Leseproben
Drachenkreuzer Ikaros
Vor dem roten Schott der Luftschleuse bleibt er stehen. Muß er ja. Da ist ein numeriertes Tastenfeld, ähnlich denen, wie sie an
den Schleusentüren auf der Basis angebracht sind, allerdings nicht mit achteckigen, sondern mit runden Tasten. Eins ist immer
Öffnen! Mehr muß man nicht wissen, weil alles andere automatisch abläuft und die restlichen Tasten nur für Wartungstechniker
oder im Fall eines Defekts von Bedeutung sind. Ein weißlicher Nebel faucht Marigg entgegen, als sich das Schott öffnet. Die
Kammer ist nicht sehr groß, sechs Mann würden sich wohl schon auf die Zehen treten. Dafür geht alles sehr schnell. Es, ist eben
eine Sicherheitsschleuse, die normalerweise optoelektronisch gesteuert wird und ihren eigentlichen Sinn erst erfüllt, wenn ein
Leck oder eine andere Havarie hermetische Abdichtung erfordert. Kaum hat sich das rote Schott geschlossen, zischen wieder
milchige Nebel aus irgendeiner Ecke, die sich aber rasch verflüchtigen. Dann schnellt das Innenschott zurück und gibt den Weg in
einen diffus erleuchteten Korridor frei.
Ein Blick auf das Barometer sagt Marigg, daß hier irdische Druckverhältnisse herrschen, ein zweiter auf den Analysator, daß es
tatsächlich Luft ist, was diesen Gang füllt. Die Temperaturanzeige meldet minus achtzehn Komma drei Grad.
Marigg öffnet die Rückenluke des Cataphracts und steigt aus dem Panzer. Einen Augenblick denkt er auch daran, den Helm
abzunehmen, aber achtzehn Grad minus können einem auch die frischeste Luft verekeln, und außerdem ist nicht erwiesen, daß
fünfunddreißig Jahre alte Luft besser riecht als die aus dem Servicetornister. Also läßt er den Griff des Bajonettverschlusses
wieder los und sieht sich erst einmal um.
Das Sintermaterial der Tunnelwand zeigt keine Spuren der enormen Hitze, die bis hierher vorgedrungen sein muß, aber die
Abdeckungen der Leuchtbänder haben sich verzogen und sind teilweise herabgefallen. Weiter zeugt nichts von der Höllenglut, die
alles Leben erbarmungslos auslöschte.
Jetzt ist der Boden sogar mit einem feinen Schleier aus Rauhreif bedeckt, so kalt ist es in dem Gang.
Plötzlich stutzt Marigg. Weshalb ist es hier so unglaublich kalt? fragt er sich verblüfft. Normalerweise müßten die Temperaturen bis
an den Siedepunkt heranreichen, wenn man voraussetzt, daß die Klimaanlage ebenfalls zerstört wurde. Aber wenn es hier noch
Energie gibt, warum sollte dann nicht auch die Klimatisierung noch funktionieren? Er hastet zum nächsten Luftaustritt und hält die
Hand vor die vergitterte Öffnung. Ich Esel! schilt er sich, als ihm bewußt wird, daß er durch den Skaphanderhandschuh nichts
merken kann. Also kratzt er einige winzige Kristalle des Rauhreifs vom Boden und legt sie sich in die Handfläche. Dann führt er
die Hand behutsam wieder vor das Gitter des Lüftungsschachts. Sie müßten schmelzen oder wenigstens davongeblasen werden,
wenn die Ventilation arbeitet, denkt er.
Die Eiskristalle glitzern reglos und kalt.
Marigg mustert eingehend die Wände. Bei dieser Temperatur müßte sich doch der Reif auch dort niederschlagen, wo innerhalb
des keramischen Materials die Rohre mit dem flüssigen Helium verlaufen, aber die Wandung ist völlig eisfrei. Die Kühlaggregate
der Klimatisierung arbeiten also nicht. Woher rührt dann diese unheimliche Kälte? Unentschlossen geht Marigg weiter. Hier kann
es doch keine lebenden Wesen geben, sagt er sich, aber die Aura des rätselhaften Fremden schwingt klar und rein und weist ihm
den Weg.
Der Gang mündet in einen gewölbeartigen Raum. Neben dem Eingang steht das verrußte Gerippe eines Schreibtisches, darunter
liegt ein ausgebranntes Gestell, das wohl einmal ein Videophon oder ein Terminal war. An der gegenüberliegenden Wand hängen
noch Metallrahmen, in denen sich einst Bilder befunden haben mochten. Am Boden entdeckt Marigg Tonscherben und flockige
Aschereste. Das mögen Blumentöpfe gewesen sein.
Links und rechts führen Pendeltüren weiter, von deren Glasscheiben nur noch zackige Ränder geblieben sind.
Marigg konzentriert sich. Das mentale Feld muß rechts sein. Undeutlich sind noch Schriftzeichen neben der rußgeschwärzten Tür
zu erkennen. Substitutionsklinik - buchstabiert er langsam.
Einige Türen der Klinikräume stehen offen. Marigg wirft nur in die ersten vier einen kurzen Blick. Überall das gleiche Bild:
verkohlte, verrußte, geschmolzene oder verbrannte Geräte und Einrichtungsgegenstände. Im dritten Zimmer glaubt er einen
verkohlten Strunk auf dem ausgeglühten Operationstisch zu erkennen und prallt angewidert zurück.Dann aber beruhigt er sich:
Es muß eine Decke oder etwas Ähnliches sein, denn die sterblichen Überreste derjenigen Kranken und hier Diensttuenden, die es
nicht mehr bis an die vermeintlich Rettung verheißende Planetenoberfläche geschafft hatten, wurden ausnahmslos würdig
bestattet. Jedes Aschehäufchen wurde untersucht, weil es nicht auszuschließen war, daß es sich um das wenige handelte, was
von einem Menschen bleibt, der solch einen grausamen Tod findet.
Nein - Leichen oder deren verkohlte Reste wird er hier ganz gewiß nicht finden. Marigg atmet erleichtert auf, dann aber erinnert er
sich daran, daß Skamanders Vater hier irgendwo in einem der Substitutionsbetten gelegen haben muß, als die Beben den
Planetenboden zersprengten und die nachfolgenden Eruptionen ihr tödliches Feuer gegen die Station schleuderten. Er weiß auch,
daß sich der Mann nicht bewegen konnte, weil er in einer Maschine steckte, die seinem Körper die verbrannte Haut ersetzte…
Marigg schluckt krampfhaft. Wer könnte den Haß nicht verstehen, den Skamander für die Sonne empfindet, die nicht nur Leben
gibt, sondern auch gnadenlos vernichtet, wenn es sich ihr zu waghalsig nähert. Was wird wohl von den Ruinen dieses
Menschenwerks bleiben, wenn die Sonne zum zweitenmal ihren feurigen Atem ins All hinausbläst und die Planeten mit
Schwerewellen schüttelt? Hier jedenfalls wird sie keine Menschen töten können, dieses Gebiet gehört ihr und wird ihr nicht mehr
streitig gemacht. Aber der Fremde! durchfährt es Marigg. Weiß er überhaupt, welche Katastrophe bevorsteht? Verdammt noch mal
- ganz gleich, wer oder was diese geheimnisvollen Wesen sind: Sie müssen hier weg, und zwar so schnell wie möglich! Warum
fällt mir das erst jetzt ein? fragt sich Marigg mit einem Gefühl tiefster Scham.
Unwillkürlich beginnt er zu laufen, wird immer schneller, als käme es auf jede Sekunde an. Die gemeinsame Aura der fremden
Wesen zieht ihn wie ein Sog. Marigg gerät ins Schwitzen, keucht vor Anstrengung.
Der Gang beschreibt einen Knick, und Marigg steht plötzlich vor einer Gittertür. Unbefugten Zutritt verboten! steht, kaum noch
lesbar, auf einem angeschmolzenen Schildchen, und daneben, direkt auf der Wand: Substitutsregeneratoren. Mit dem etwas
kleiner geschriebenen Zusatz: Nur für Personal der dritten aseptischen Stufe.
Das Gitter ist verschlossen, aber die einige Schritt dahinter befindliche Bioschleuse steht weit offen. Marigg kann sogar die
anscheinend unbeschädigten Apparaturen der Regeneratoren sehen und staunt gewaltig, als er feststellt, daß die
Kontrollämpchen in allen Farben leuchten und blinken. Dann hört er auch das leise Summen.
Vergeblich rüttelt er an dem Gitter. Das Gedankenfeld des Fremden wird immer stärker. Marigg wirft sich mit aller Gewalt gegen
die Gittertür, bar jeder Vernunft, die ihm sagen müßte, daß dies das untauglichste Mittel ist.
Plötzlich verharrt er. Das Außenmikrofon überträgt ein Geräusch, das ihm eisige Schauer über den Rücken rinnen läßt, ein hohes,
klagendes Jammern, das gleich darauf in schrilles, geradezu frenetisches Kreischen übergeht. Mariggs Finger krampfen sich um
die Gitterstäbe, sein Hals wird trocken. Ein irrsinniger Gedanke durchzuckt ihn: Das klingt ja fast wie eine Mundharmonika! Die
Töne nähern sich, begleitet von einem rhythmischen Platschen wie von nackten Füßen.
Marigg preßt sich gegen das Gitter, auf einmal weiß er: Er kommt, sie kommen, es kommt…
Das Klatschen wird zu einem Schurren und Schlurfen, als wälze sich ein riesiger Tausendfüßer durch den Gang hinter der
Bioschleuse. Angst befällt Marigg. Die Fremden schweigen noch immer, und Marigg denkt gar nicht mehr daran, daß er selbst
dieses Schweigen stöhnend gefordert hat und es mit einem einzigen gedanklichen Impuls durchbrechen könnte. Nur das Schurren
und Knistern des gewaltigen Gedankenfeldes hüllt ihn ein, Oh, großer Dual, hilf mir! fleht er inständig. Hilf mir, stark zu bleiben!
Was ist das, was da zu mir kommt, was wird es tun, was soll ich machen?
Da! Ein gewaltiger Schatten schwankt heran.
Marigg befällt ein Zittern, das seinen ganzen Körper schüttelt, seine Augen weiten sich vor Entsetzen, und ein unartikulierter
Schrei löst sich aus seiner Kehle.
Das erste Wesen muß weit über zwei Meter groß sein, sein Kopf berührt beim Gehen fast die Decke des Korridors.
Marigg fühlt, wie seine Knie weich werden.
Platsch, platsch - die nackten Füße des Wesens klatschen auf den reifbedeckten Boden, die säulenartigen Beine sind beim
Gehen immer etwas eingeknickt. Der Körper ähnelt entfernt dem eines Menschen, nur sticht das Brustbein spitz hervor, und der
Oberkörper ist seltsam schief, geht links gleich in einen kurzen Hals über, schulterlos, während sich rechts die Muskelstränge
eines gewaltigen Armes runden. Auf der rechten, einzigen Schulter hockt irgend etwas Undefinierbares, das Marigg noch nicht klar
erkennen kann, der Arm jedoch ist zurückgebogen und schleppt ein Gebilde hinter sich her, das wie ein Wurm aus Dutzenden
Leibern erscheint.
Die Zähne schlagen Marigg klappernd aufeinander, ein Ruck geht durch seinen Körper, er will aufspringen, davonlaufen, denn das
Abscheulichste an diesem Wesen ist der Kopf!
Ein mißgestaltes Ding mit Beulen und Schwielen sitzt auf dem Hals, anstelle der Nase gähnen zwei dunkle Löcher, und unter
diesen schrecklichen Höhlen zucken zwei mehrfach gespaltene Lippen.
Aber Marigg kann nicht davonlaufen. Die mächtige Aura des Wesens hält ihn gefangen.
Du bist kalt! Soll ich dir Wärme geben? peitschen die fremden Gedanken durch sein Gehirn.
Ja, Marigg fühlt wirklich eisige Kälte, die wie ein Klumpen in seinem Bauch liegt. Aber er spürt auch sofort den Strom von Güte,
der aus der Aura des schrecklichen Geschöpfs quillt, noch bevor er antworten kann. "Wer bist du?" stößt er fassungslos hervor
und weicht langsam zurück.
Der Fremde stampft schwerfällig auf ihn zu. Nun erkennt Marigg, was er hinter sich herschleppt: Die sieben Finger seiner einzigen
Hand umklammern den Oberarm eines zweiten, kleineren Wesens, das beinahe nur aus Speckfalten zu bestehen scheint und
irgend etwas noch Winzigeres, Quakendes an sich preßt. Unter der zusammengequetschten Stirn dieser Kreatur funkelt ein
milchiges Auge, anstelle des zweiten hat dieses unmenschliche Gesicht eine Geschwulst, die speckig glänzend die ganze
Gesichtshälfte bedeckt.
Und immer mehr bizarre, groteske Gestalten kommen herangeschlurft, gekrochen, gehumpelt. Ineinander verkrallt, sich
umschlingend, wälzt es sich heran. Da sind Arme und Beine, aber auch Klauen und Pranken, mißförmige Köpfe mit Nasen, Ohren
und Augen, deren Entstellungen wie Inkarnationen eines Fiebertraums anmuten.
Marigg schwindelt es, und er fühlt, wie sein Körper in tödlicher Kälte erstarrt. Und als er den Mund des zweiten Wesens ansieht,
da packt ihn ein wahnsinniger Lachkrampf, denn was dort zwischen den wulstigen Lippen schimmert, das sieht tatsächlich aus wie
eine Mundharmonika, und die Töne kommen ganz gewiß dorther!
Seine Augen irren hin und her. Das ist nicht wahr! brüllt es in ihm. Das muß an dem verfluchten Elixier liegen! Es verzerrt das
Wahrnehmungsvermögen! So muß es sein! Das alles ist einfach nicht wahr!
Sie nennen mich Klugwarm, hört er den mißgestalten Riesen, und sie wollten alle mitkommen. Wie soll ich dich nennen? "Marigg",
krächzt er, kaum noch Herr seiner Sinne. "Ich heiße Marigg."
Diesen Namen kann ich nicht tasten, tönt Klugwarms Stimme in ihm. In deiner Kaltkraft sind viele Namen und Dinge, die ich nicht
tasten kann - darf ich dich Vielklug nennen?
Mariggs Knie geben endgültig nach. Er rutscht an den Gitterstäben entlang nach unten und starrt auf das fremde Wesen. "Gut,
gut", keucht er, am Rande des Zusammenbruchs, "gut - nenne mich Vielklug…"
Das Ding auf der einzigen Schulter des Wesens, das sich Klugwarm nennt, zuckt auf und läßt ein schrilles Kichern hören. Marigg
nimmt mit dumpfer Apathie wahr, daß dieses spindeldürre Etwas irgendwie einemÄffchen ähnelt, dessen Kopf nicht größer ist als
eine Kinderfaust.
Dann zwingt er sich mit einer letzten Willensanstrengung, noch einmal in das Gesicht des Wesens Klugwarm zu schauen.
Das ist das Elixier! stöhnt er innerlich auf, als er in klare, helle und schöne Augen blickt. Es ist das Elixier!
Der Blick dieser Augen hüllt ihn in Wärme und Geborgenheit. Es sind die Augen Skamanders…
Copyworld
In einer langgezogenen Reihe marschieren sie durch die Kalte Wüste. Schweigend, in die Schatten der hohen Sicheldünen
geduckt. Die Fahrzeuge haben sie schon vor Stunden abgestellt und unter sandgrauen Planen versteckt. Alle tragen Waffen, auch
die Frauen. Hyazinths Handflächen sind feucht vor Aufregung. Immer wieder greift er nach dem kühlen Schaft der
Schwereschleuder, tastet über die rauhe Oberfläche des Griffstücks und kontrolliert die Stellung des Sicherungshebels. Seit er
das erste Mal mit dieser Waffe geschossen hat, erfüllt ihn fast abergläubische Ehrfurcht vor der Macht des Apparates.
Die Kalte Wüste liegt vor ihnen wie ein sturmgepeitschtes Meer, das durch einen geheimnisvollen Zauber mitten in der Bewegung
erstarrt ist. Der Sand knirscht unter den Füßen, und in seinem Kopf ist ein feines nervtötendes Zirpen. Hyazinth kennt dieses
eigenartige, unheimliche Singen. Sein Gehirn täuscht ihm mit diesen Geräuschen vor, er könne die unsichtbare, unhörbare,
unmeßbare Gefahr doch irgendwie wahrnehmen. Es ist das Vibrieren der Angst in seinen Nervenbahnen. Hyazinth knirscht
machtlos mit den Zähnen. Aber das gespenstische Zirpen bleibt.
Einige Schritte hinter ihm läuft Tauphi. In regelmäßigen Abständen dreht er sich um, gibt sich den Anschein, die umliegenden
Dünen zu mustern, um rechtzeitig drohende Gefahr zu erkennen. Jedesmal huscht sein Blick wie zufällig über ihr Gesicht, aber
nur einmal konnte er gerade noch sehen, wie sie blitzschnell die Augen niederschlug. Sie weicht ihm hartnäckig aus, aber
irgendwie ist die Distanz zwischen ihnen immer geringer geworden. Vor zwei, drei Wochen noch wäre sie nie so dicht hinter ihm
gelaufen.
Tauphi trägt eines der Geräte auf dem Rücken, mit deren Hilfe sie Kontakt zu den Omegaschläfern herstellen wollen. In Hyazinths
Tornister befindet sich eine jener rätselhaften Energiequellen, aus denen die Gravitationswaffen gespeist werden.
Sie sind insgesamt zweiunddreißig Kämpfer, die durch die Schatten der Wüstennacht schleichen. Weit voraus läuft die von
Rhomega angeführte Dreiergruppe der Aufklärer.
Als vor einer halben Stunde Wind aufkam, hörte Hyazinth wieder dieses schauerliche Klagegeheul und grinste verkrampft bei der
Erinnerung an seine erste Begegnung mit dem Weinenden Gott. Zwar war es keineswegs eine üble Schmierenkomödie, was
Rhomega ihm vorgespielt hatte, sondern eher ein düsteres Gleichnis vom nahenden Ende der Menschenwelt - aber dessen
ungeachtet war es nur ein Spiel gewesen. Die furchtbare Begleitmusik fand eine simple Erklärung. Tremakut hat es ihm im Labor
vorgeführt: Sobald der Wind über die Sanddünen hinwegfegt, beginnen die Myriaden von lockeren Sandkörnern zu klingen, weil
sich auf der Oberfläche der Quarzkristalle elektrische Spannungen bilden. Diese Erscheinung tritt nur bei bestimmten kristallinen
Konfigurationen auf, und deshalb ist sie nur in wenigen Gebieten der Erde anzutreffen.
Na und? hatte Rhomega geantwortet, als er ihn zur Rede stellen wollte. Gottes Stimme äußert sich eben in solchen
ungewöhnlichen physikalischen Prozessen, oder hast du etwa geglaubt, da stünde irgendwo ein weißbärtige Alter auf einer
Sanddüne?
Ein leises Zischen von der Spitze der Marschkolonne.
Sofort ducken sich alle in den Schatten einer Sicheldüne, verharren reglos. Hyazinth läßt sich der Länge nach fallen und drückt
das Gesicht in den Sand. Erst nach Sekunden wagt er es, ein wenig den Kopf zu heben. Die Männer mit den Feldabweisern
hantieren lautlos an den Apparaten, huschen schemenhaft wie Geister hin und her. Vom Horizont nähert sich dumpfes Brausen,
und gegen das kaum wahrnehmbare Dämmerlicht der Wolken zeichnen sich dunkle Punkte ab, werden rasch größer. In wenigen
hundert Metern Entfernung fliegen seltsame Airspider vorbei, wie Hyazinth sie nie zuvor gesehen hat. Viel größer als die
gewohnten Verkehrsmittel, merkwürdig gerippt und mit Auswüchsen, die wie mit dicken Spiralen ummantelte Röhren aussehen. Es
sind sieben oder acht. In einem sanften Bogen verschwinden sie hinter den Bergen.
Als Hyazinth sich erheben will, faucht Tauphi hinter ihm leise: "Bleib unten! Sie können Spürbojen abgesetzt haben!" Er geht sofort
wieder in die Hocke, um das Abweiserfeld nicht zu durchstoßen, das die Bioemissionen der Kämpfer abschirmt.
Erst wenn die Männer an den Feldabweisern mit der Suchkomponente des Schutzfeldes die Umgebung abgetastet haben, geht es
weiter. Daran hätte er denken müssen
Auf einmal sind drei dumpfe Explosionen zu hören. Hinter dem Horizont springt Lichtschein auf. Grellweiß erst, dann in
schmutziges Rot wechselnd, das sekundenlang in den Wolken flackert.
Der Mann vor ihm dreht sich um und flüstert: "Scheiße! Das waren die Transporter! Sie haben sie geortet."
"Und wie kommen wir jetzt nach Szingold zurück?"
"Vielleicht gar nicht!" Der Mann hat ein feines Zittern in der Stimme und murmelt kaum hörbar weiter: "Denn jetzt wissen sie, daß
wir hier sind…"
Von vorne ertönen halblaute Befehle, die sogleich weitergeraunt werden.
"Alles zu Tremakut… aber unten bleiben, immer unter dem Abweiserfeld… die Abweiser rücken vorsichtig nach…"
Die Kämpfer sammeln sich um den Mann, den Hyazinth als begnadeten Sitharsolisten kennengelernt hatte, ohne damals ahnen
zu können, daß Musikalität die geringste der vielen Gaben dieses Menschen ist.
"Sie werden jetzt systematisch die Wüste durchkämmen", flüstert Tremakut. Er trägt wie alle anderen einen sandgrauen Overall
mit enganliegender Kapuze, aus der an der Halsmanschette graues Haar quillt. In seinem faltigen, wettergegerbten Gesicht
zucken nervös die Mundwinkel.
"Wir sind dicht vor unserem Ziel. Die letzten Kilometer werden wir im Eilmarsch unter Felddeckung zurücklegen. Ich verlange
absolute Disziplin!"
Die kleine Abteilung formiert sich zu Dreierreihen, damit eine günstige Feldgeometrie ermöglicht wird. Dann laufen sie los.
Hyazinth starrt ins Dunkel voraus, wo bald die hohen Bunkersilos der Festung Van Zyl auftauchen müssen. Erst hatte er nicht
glauben wollen, daß es so etwas wie diese Festung gäbe. Überhaupt wollte er anfangs vieles nicht glauben, was ihm im Stab der
antisteinistischen Revisionsfront erzählt und schließlich anhand unwiderlegbarer Beweise klargemacht wurde. Als er aber begriff,
was sie von ihm wollten, gab es eine heftige Auseinandersetzung. Denn er verlangte, Van Zyl mit eigenen Augen sehen zu dürfen.
Sie wollten ihn nicht mitnehmen, weil sein Leben zu kostbar sei, um in solch einer Routineaktion aufs Spiel gesetzt zu werden.
Aber er hatte darauf bestanden, seine Mitarbeit von der Entscheidung abhängig gemacht. Sie mußten zähneknirschend
nachgeben. Rhomega hatte geflucht wie ein Ochsentreiber und Tremakuts Mund war vor Zorn zu einem schmalen Strich
zusammengekniffen.
Wenn alles stimmt, was sie ihm eröffneten, dann ist er sein Leben lang gräßlich betrogen worden - dann aber müssen sie auch
verstehen, daß er nur noch seinen eigenen Sinnen traut.
Er muß Van Zyl sehen. Und außerdem in Tauphis Nähe sein.
Sie hasten vorwärts. Jetzt geht es um alles. Wenn die Airspider der Protektorgarde ihre Fahrzeuge entdeckt haben, bleibt nur
noch wenig Zeit, sich unentdeckt der Festung zu nähern. Durch den weichen Wüstensand zu laufen kostet viel Kraft. Der Sand
saugt die Energie aus jedem einzelnen Schritt, sie versickert in ihm wie Wasser. Aber Hyazinth besteht nur noch aus Energie, seit
er Choreut Desmins Tanzhölle durchwandert hat. Aus physischer wie geistiger gleichermaßen. Soviel kann der Sand gar nicht
verschlingen, wie in dem scheinbar ausgemergelten, aber geradezu stählern-sehnigen Körper steckt.
Seine Finger krampfen sich um den Kolben der Schwereschleuder. Das erste Mal in seinem Leben trägt er eine Waffe. Als
Tremakut und Rhomega ihn durch die unterirdischen Bunker und Tunnelsysteme führten, die wie ein weiter Ring Szingold
umgeben, wußte er sich vor Überraschung kaum zu fassen. Unter beinahe jeder Sanddüne mußte sich ein gepanzerter
Unterstand befinden, im Umkreis von vielen Kilometern war der Wüstenboden wie ein Schwamm von Gängen und Hohlräumen
durchzogen. Überall Waffen: Strahlengeschütze, die Plasmaströme und Partikelimpulse ebenso verschießen können wie
hochenergetische Photonen des gesamten Spektrums; Schwertransuraniumwaffen, die Projektile mit winzigen Kernladungen
verschießen; alle nur denkbaren Feldgeneratoren und Gravitationswaffen.
Hyazinth glaubte Tremakuts Worten, die Weltensteiner seien der Revisionsfront technisch weit unterlegen und hätten immer
wieder versucht, Spione einzuschleusen, um herauszufinden, woran die Forschungsinstitute in Szingold arbeiteten. Vom
Verteidigungsgürtel hätten sie keine Ahnung, selbst in Szingold wüßten nur sehr wenige der Bürger, die nicht unmittelbar im
militärischen Bereich der Revisionsfront arbeiten, von seiner Existenz.
Die wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen hatten es Hyazinth angetan. Zwar gibt es auch in Weltenstein eine Akademie der
Naturwissenschaften, aber diese befaßt sich ausschließlich mit Entwicklungsarbeiten für das Projekt Copyworld. Hier in Szingold
wird an allem herumgeforscht, was sich nur irgendwie erforschen läßt. Die alte Universitätsstadt ist längst aus der Agonie erwacht,
deren Zuckungen die Welt erschütterten. Die meisten Leute hier arbeiten freiwillig viele Stunden über den Feierabend hinaus,
oder sie sind in zwei Berufen tätig - einfach, weil es ihnen Spaß macht. Unfaßbar.
Hyazinth lief mit glänzenden Augen durch die Labors, verstand kaum die Hälfte von Tremakuts Erklärungen, begriff nur, daß der
Sitharspieler offenbar Leiter einer ganzen Institutsgruppe sein muß und daß die Leute hier trotz ihrer bescheideneren materiellen
Ansprüche irgendwie glücklicher, ruhiger, ausgeglichener und vor allem unvergleichlich kreativer sind, als die Märtyrer
Weltensteins. Als sie ihm Szingolds wahres Gesicht zeigten, wußte er noch nichts von der antisteinistischen Revisionsfront. Die
Begegnung mit dem Besinnler fand später statt. So hatte er genug Zeit, sich selber eine Meinung zu bilden, was nicht ohne
Konflikte und Widersprüche vonstatten ging. Aber von diesen erzählte er dem EXA-Kurier Coromandel Mazarin nichts. Auch als
die Frau mit dem Chrysoberyll auf der Stirn ihn lobte, weil er Kontakt zu interessanten Leuten aufgenommen hätte, schwieg er.
Nur als sie ihm den neuesten Klatsch aus Weltenstein offenbarte, verlor er kurz die Beherrschung und kicherte schadenfroh bei
ihrer Schilderung von Berylls Unfall in einer Perzeptorzelle: Er hatte sich wie in einem Anfall von völligem Wahnsinn beinahe
selbst erdrosselt - nur mit Mühe gelang es den Helfern, seine um den Hals gekrampften Hände zu lösen. Und allen blieb
schleierhaft, wie sich die von Copyworld kontrollierten Arretierungsmanschetten von seinen Armen hatten lösen können...
Einige Tage rang Hyazinth mit sich, dann ging er zu Tremakut und erzählte von den regelmäßigen Treffen mit dem Kurier. In die
unzähligen Falten von Tremakuts Gesicht stahl sich ein feines Lächeln.
"Es ist gut, daß du erst jetzt kommst", sagte er. "Hättest du dich Rhomega oder mir früher anvertraut, wäre mir diese Entscheidung
zu schnell gefallen…" Dann erklärte er dem verdutzt lauschenden Hyazinth, daß seine konspirativen Treffen zuverlässig
überwacht würden und ihnen jedes Wort bekannt sei, das er mit Coromandel Mazarin gewechselt habe. Hyazinth reagierte darauf
sehr heftig.
"Alles wie in Weltenstein!" hat er zornig geschrien. Ganz egal, welche Idee dahinter stünde, es sei immer wieder dasselbe - die
Mächtigen tun und lassen wie ihnen beliebt, während das Volk in ein Korsett aus strengen Regeln und Gesetzen gepreßt und
vierundzwanzig Stunden am Tag bespitzelt wird. Dann schwieg er plötzlich und hüstelte verlegen: Ihm war das Ketzerische seiner
Gedanken bewußt geworden.
"Hier ist der Mächtige das Volk, auch wenn das den Herren in Weltenstein nicht in den Kram paßt!" Tremakuts Antwort war in
scharfem Ton gehalten, und er lächelte nicht mehr. "Und daß wir uns vor allen Versuchen, unsere physische Existenz
auszulöschen, schützen, kann doch nur einem Mann von geradezu überwältigender Einfalt als Unrecht erscheinen!"
"Ich will euch doch nicht vernichten!" Hyazinth war sprachlos.
"Hast du denn immer noch nicht begriffen, warum Korund Stein und seine Bande -" Hyazinth zuckte innerlich zusammen als
Tremakut das sagte "- uns unbedingt in die angebliche Digitalisierung zwingen wollen?"
"Von Zwang kann doch gar keine Rede sein." Der Einwand kam ihm nur zögerlich über die Lippen. Immerhin hatte der Erste
Exarch ihm gegenüber selbst zugegeben, daß die Szingolder sich nicht freiwillig digitalisieren lassen wollten.
"Du hast wirklich keine Ahnung", stellte Tremakut nachdenklich fest. "Sie trauen also nicht mal ihren besten Nachwuchskadern…
Na gut, du wirst die Wahrheit früh genug erfahren… Erst sieh dir Szingold an. Vielleicht kommst du von selbst drauf."
Alles hat er bis heute nicht verstanden. Aber wenn er zwei und zwei zusammenzählt, kommt folgendes heraus: Ganz offenbar
existiert in Weltenstein eine Verschwörung, von der Tremakut ebensowenig weiß wie der Erste Exarch. Diese Verschwörer
beabsichtigen, Copyworld und die Digitalisierung für irgendwelche dunklen Absichten zu mißbrauchen. In Szingold identifiziert
man das Wirken dieses gemeinsamen Gegners mit der Lehre von der Großen Umkehr und der Exarchie der DTEA. Aber davon
wollte Tremakut nichts hören. Nur Rhomega hatte die Stirn gerunzelt und zugegeben, der Gedanke sei durchaus nicht aus der Luft
gegriffen, aber eigentlich von untergeordneter Bedeutung, da der Revisionsfront konkrete Feinde gegenüberständen, nicht
irgendwelche Theorien.
Hyazinth ist fest entschlossen, die Sache aufzuklären. Und den Leuten um Tremakut scheint sehr viel daran zu liegen, ihn auf
ihrer Seite zu wissen. Das spricht so deutlich aus ihren Bemühungen um ihn, daß Hyazinth sich schon mehrmals die Frage stellte,
ob wirklich nur sein Ruf als Sigmastar der Grund sei. Fortwährend macht Tremakut unverständliche Andeutungen wie: Daß gerade
Hyazinth nach Szingold geschickt worden sei, wäre ein glücklicher Zufall… es muß Korund Stein große Überwindung gekostet
haben… das zeige aber auch, wie wichtig Szingold ihm sei… und so weiter. Hyazinth wird daraus nicht schlau. Das ist wieder wie
in Weltenstein, wo auch jeder so tat, als wisse er von irgendeinem schrecklichen Geheimnis, in das Hyazinth verstrickt ist.
"Volle Deckung!" Ein kurzer Ruf von der Spitze der Marschkolonne reißt ihn aus der Grübelei. "Absolute Nullemission...!!!"
Er läßt sich sofort fallen. Seine Reflexe sind gut, auch dank seiner Ausbildung als Tänzer. Aber wirklich geformt wurden sie erst in
den unterirdischen Kasernen der Revisionsfront. Absolute Nullemission - das heißt: nicht bewegen, nicht atmen, nicht denken.
Damit die Sensoren von Spürbojen oder mobilen Einheiten nicht das geringste Signal wahrnehmen können.
Kaum liegt er im kalten Wüstensand, hört er schon das anschwellende Brausen. Ein einzelner Kampfspider donnert über ihre
Köpfe hinweg. gerade will er aufatmen, da ertönt der nächste Befehl: "Schwereschleudern: Ziel erfassen!"
Automatisch drückt er sich in die Hocke, setzt einen Fuß nach vorn und läßt sich auf das andere Knie nieder. Synchron zu diesem
Bewegungsablauf hebt er das Rohr seiner Waffe auf die rechte Schulter und preßt das Gesicht gegen die Okularmaske.
Da kommt er! Der Kampfspider ist kurz nach dem Überflug in einer steilen Kurve nach oben gestiegen. Irgendetwas müssen seine
Sensoren trotz des Abweiserfeldes geortet haben.
Hyazinths Bewegungen sind ganz ruhig. Das alles hat er im Simulator hundert Mal geübt. Aber das nervtötende Singen und Zirpen
unter seiner Schädeldecke schwillt zu einem schmerzenden Inferno. Er weiß, daß insgesamt acht Schwereschleudern ihre
Fokusfelder auf den Flugkörper richten. Und wenn nur einer trifft, reicht das völlig aus.
Aber diese Gewißheit kann nicht die kreischende Säge zum Schweigen bringen, die sich durch seine Nervenbahnen frißt.
Im Blickfeld der Visiereinrichtung erscheint der Nachthimmel strahlend hell, und Hyazinth erkennt hinter der Kanzelverglasung des
Kampfspiders einen behelmten Kopf. Dann sieht er, wie die von Spiralen ummantelten Röhren in seine Richtung schwenken. Alles
geht blitzschnell, aber trotzdem hat er das Gefühl, die Zeit dehne sich plötzlich unendlich in die Länge. Er sieht genau die
Bewegungen des Helmes in der Kanzel, glaubt fast zu verstehen, wie der pseudoorganische Pilot mit einem schnellen Blick über
die Displays seiner Waffensysteme huscht. Kurz bevor aus den Rohrmündungen der Spiderbewaffnung gleißende Helligkeit bricht,
drückt Hyazinth auf den Auslöser seiner Schwereschleuder.
Zwei winzige Materiepartikeln jagen innerhalb des Fokusfeldes auf das Ziel zu. Beide besitzen nur eine Masse von wenigen
Gramm, ihre räumlichen Ausdehnungen aber sind geringer als die eines Atomkerns, ihre Dichte ist fast so unvorstellbar hoch wie
die der kosmischen Materie in der Singularität. Unmittelbar vor Erreichen des Ziels prallen diese beiden superdichten Teilchen
aufeinander und verschmelzen dank ihrer überkritischen Masse zu einem Primordialen Schwarzen Loch von submikroskopischen
Ausmaßen, dessen Lebensdauer nur in Millisekunden gemessen werden kann, weil es sogleich unter Freisetzung eines Stroms
von Elementarteilchen aus dem virtuellen Phasenraum verdampft.
Der Effekt ist verheerend. Der Kampfspider explodiert nicht in einem Feuerball, er verschwindet einfach. Sein Fall in die
Singularität ist eher wie eine Implosion: Ein Strudel aus Sand und Staub erhebt sich und stürzt ins Nichts, dann zucken die aus
der Virtualität geschleuderten Elementarteilchen als greller Blitz durch die Nacht, von schmetterndem Donner begleitet. Wie eine
weißliche Blase dehnt sich der Raum und zerplatzt erneut zu nichts.
Dem Piloten des Flugkörpers war es jedoch noch gelungen, zwei Plasmaladungen abzufeuern, die als lohende Feuerstrahlen auf
die Gruppe hinunter rasten.
Die Druckwelle trifft Hyazinth mit voller Wucht in den Rücken, er wird wie von einer Meereswoge empor gehoben und nach vorn
geschleudert. Er prallt auf den Boden und spürt einen furchtbaren Hieb auf den Hinterkopf. Obgleich er vor Schmerz die Augen
schließt, sieht er farbige Lichter flackern und durcheinanderwirbeln.
Stöhnend erhebt er sich. Einige dutzend Meter hinter dem Ende der Marschkolonne glühen dunkelrot zwei Trichter aus glasiger
Schmelze im Wüstenboden.
Hyazinth streift die Tornisterriemen von den Schultern und stolpert zu Tauphi, die verkrümmt im Sand liegt. Wenige Schritte neben
ihr erkennt er einen abgerissenen Arm. Die Hand umklammert immer noch ein Lasergewehr. Etwas weiter sieht er den Rumpf
eines Menschen. der Bauch ist aufgerissen, und etwas grünliches quillt in fettigen Schlingen langsam hervor. Ein seltsamer
Geruch liegt in der Luft: warm, säuerlich und ein wenig nach Fäkalien. Hyazinth fällt auf die Knie, und ihm ist, als zerre ihm eine
grobe Faust den Magen heraus, als er sich übergibt. Mit letzter Kraft kriecht er zu Tauphi. Die Wunde am Hinterkopf, wo ihn der
Tornister mit der Energiequelle traf, brennt höllisch, aber er empfindet den Schmerz, als sei er etwas Gewohntes,
Selbstverständliches.
Das war es also, denkt er. Das war dein kurzes Leben. gleich wird eine ganze Armada von Kampfspidern über uns herfallen, und
dann wird uns auch unsere überlegene Bewaffnung nicht helfen. Ich bin ein Idiot! Wieso habe ich mich auf diesen Wahnsinn
eingelassen? Zu spät. Jetzt ist alles aus. Wenigstens Tauphi noch einmal sehen, ihr kindliches Gesicht mit der fast durchsichtigen
Haut, wenigstens einmal ihre Wangen streicheln.
Er beugt sich über sie und dreht sie, ächzend vor Schmerz, auf den Rücken. Ihr Mund ist halb geöffnet.
Hyazinth treten Tränen in die Augen.
"Tauphi!" Er schüttelt sie sacht, dabei wackelt ihr Kopf hin und her als hinge er nur noch an einem dünnen Faden. Erschreckt
tastet Hyazinth nach ihren Halswirbeln. Dicht hinter ihrem linken Ohr fühlt er eine angeschwollene feuchte Stelle. Er nimmt ihren
Kopf in beide Arme und preßt ihn gegen seine Brust.
"Tauphi!" Das erste Mal in seinem Leben spürt er eine Art Leere in sich, die den Gedanken an den eigenen Tod von jeglicher
Furcht befreit, sich unmerklich aber stetig in Willen wandelt. Hyazinth weint.
Erstellt mit MAGIX
Morgen ist heute gestern - aus “Planet der Windharfen”
Erst als die Nachtkälte der Wüste seinen Körper zu versteinern droht, erhebt sich Asper müde und zerschlagen, um in die muffige
Enge des Raumschiffwracks hinabzusteigen. Mit einem letzten, unsagbar verzweifelten Blick versenkt er sich in das Funkeln des
Sirius, der wie ein höhnisch glotzendes Riesenauge auf ihn herabschaut.
Unendlich weit hinter diesem kalten Leuchten ertrinken die Strahlen der heimatlichen Sonne im tintigen Blau des Alls. Asper friert,
am Horizont strahlen die Astrolithen in die Nacht - ein Mosaik aus Hoffnung und Liebe, eine Brücke aus leuchtenden Steinen, die
einen unvorstellbaren Abgrund überspannen soll...
Auch der folgende Morgen empfängt Asper mit einem frischen Windhauch, zerrissenen Staubfahnen, die wie betrunken über die
Wüste torkeln, und einem wolkenlosen Himmel, dessen Fremdartigkeit in den frühen Stunden des Tages besonders niederdrückt.
Der Wasserkanister scheuert auf den Schultern, obwohl sich dort bereits hornige Schwielen gebildet haben. Bambu springt vor
ihm den Weg zu den Käsepflanzen entlang, bei jedem Satz spannt sich die schillernde Haut auf den Knochen so straff, daß sie
sich an den Gelenken wächsern verfärbt.
Aspers erster Reflex ist, sich fallenzulassen und die Ohren zuzuhalten, als er das hohe Singen und Zirpen vernimmt.
Verdammt, wieder ein Psychodrache, durchzuckt es ihn eisig, diese Scheusale sind überall! Aber warum hat Bambu ihn diesmal
nicht gewarnt? Erst allmählich wird Asper bewußt, daß die stechenden Schmerzen im Hinterkopf ausgeblieben sind, nun nimmt er
auch den deutlichen Unterschied zwischen dem Schwirren und Surren, mit dem sich der Angriff eines Psychodrachens ankündigt,
und dem feinen Singen wahr, das, wie aus seidigen Nebeln gewirkt, in der Luft schwebt.
"Bambu, hierher!" befiehlt er schroff.
Aufmerksam beobachtet er die Natur um sich herum. Die Fächerfallen stehen steif und reglos und lauern zusammengefaltet auf
Beute, aus den violetten Gallerttrauben klingt der Balzschrei eines, Warzenskeletts, und aus der Ferne tönt der Bronzeklang der
Bewimperten Schlingglocke. Nur eines ist heute anders: Seit den frühen Morgenstunden weht eine mäßige Brise. Ist es der Wind,
der diese Töne hervorruft?
Asper schüttelt verwundert den Kopf und geht vorsichtig weiter. Tief saugt er die Luft ein wie ein witterndes Tier, und seinem
Gehör entgeht nicht einmal das leise Knistern, mit dem die gezackten Hautlappen zwischen dem Gespinst der Strahligen
Glaskorallen dem Lauf der fernen Sonne Tul folgen, um das bißchen Wärme zu speichern, das sie dem Planeten gönnt.
Plötzlich flaut der Wind ab - und das Zirpen und Singen verstummt. "Also doch! Der Wind - da haben wir uns aber einen gehörigen
Schreck einjagen lassen, was, Bambu?" Asper atmet erleichtert auf.
Unter seinen Füßen zerplatzen die im Sand wachsenden Trauben der Gelben Schleimkugeln mit dumpfem Platschen. Obwohl er
jeden Tag denselben Weg nimmt, schließt die schnellwüchsige Vegetation des Planeten die Wunden rasch wieder, und Asper
erkennt den Pfad nur an den leuchtenden Farben der jungen Triebe, die unter den Streichen seiner Machete fallen. Einzig die
Käsepflanzen machen eine Ausnahme. Diesmal erkennt Asper schon von weitem: Auch das zweite Gewächs ist eingegangen, zu
einem trockenen Schwamm versteinert.
Kein Grund für Asper, zimperlich zu sein. Er holt mit dem Haumesser aus, um auch aus der dritten Pflanze einen großen Klumpen
Fleisch herauszuschlagen. Bambu hockt ihm vor den Füßen und schmatzt ungeduldig mit dem Trichterrüssel.
Gerade will Asper zuschlagen, da fegt eine Windbö heran. Auf einmal hüllen hohes Zirpen und Klagen Asper ein. Fremdartige
Melodien umschwirren ihn wie tausend Kolibris, wehmütige Stimmen dringen in ihn, und ein Gefühl tiefster Traurigkeit befällt ihn.
Verwirrt hält Asper inne. Die Pflanze vor ihm erzeugt diese Klänge! Er läßt den Arm mit der Machete sinken und lauscht voller
Bewunderung.
Ein ziehender Schmerz sticht in sein Herz, eine Empfindung aus Todesangst, Sehnsucht und heißer Liebe überschwemmt seine
Gedanken. Glasklar steigt ein Bild aus seinem Gedächtnis auf. Als er das letztemal von Bord der Omikron mit Mona sprach, stand
sie vor einem öffentlichen Videophon, und hinter ihr erkannte er auf dem Bildschirm das selbstgefällige Grinsen Rhominths. Borg
warf achtlos hin, um Mona brauche er sich nicht zu sorgen, sie befände sich in guten Händen, worauf Fratt mit einem meckernden
Lachen antwortete...
Die Vision verschwimmt. Kalter Zorn übermannt ihn, und Asper knirscht mit den Zähnen. Er wird Rhominth zerfleischen,
zerstampfen, zerfetzen...
Als der Wind nachläßt, versickert auch der Sturzbach der Gefühle. Und als das Gewächs schweigt, ist alles vorbei.
"Biest!" flucht Asper, holt erneut aus - und zögert wieder. War es denn wirklich die Pflanze, die ihm die quälenden Erinnerungen
suggerierte? Er läßt sich seufzend zu Boden gleiten und lehnt sich mit dem Rücken gegen das Gewächs. Unwirsch wehrt er
Bambu ab, der mit dem Rüssel auffordernd gegen die Hand stubst, die fest den Griff des Messers umklammert.
Deutlich konnte er sehen, wie die Saiten in den Röhren der Pflanze vibrierten und schwangen, als der Windstoß durch sie
hindurchpfiff, und trotz der betäubenden Klänge nahm er wahr, wie sich einige Fäden zusammenzogen und dehnten. \
Eine Weile bleibt Asper noch sitzen. Er wartet auf eine weitere Bö. Aber nach fast einer Stunde gibt er es auf. Mit einem schnellen
Griff packt er den verärgert quarrenden Bambu und schiebt ihn auf seinen Oberarm. "Frühstück fällt heute aus, Kleiner."
Angestrengt grübelnd macht er sich auf den Weg zur Quelle. Irgendwie fühlt er sich befreit und erfrischt. So schmerzhaft ihn auch
die unliebsamen Erinnerungen peinigten, Gedanken, die Asper bisher erfolgreich verdrängen konnte - die fremdartige Musik der
Pflanze hat etwas in ihm angerührt, das angenehm und melancholisch in seinem Kopf nachklingt.
Wußte die Pflanze, daß er sie töten wollte? Eine richtige Windharfe, denkt Asper, ja, das ist ein schöner Name: Windharfe.
Im Glanz der Sonne Zaurak
Das Gebüsch wird unmerklich spärlicher und durchlässiger. Es scheint, als wichen die Pflanzen vor ihm zurück, als hätten sie es
aufgegeben, seinen rasenden Lauf zu hemmen. Da steht er plötzlich auf einer ausgedehnten Lichtung. Schon von weitem ist das
schrille Pfeifen der Ariels zu hören. Wie eine Sturmbö fegt ein Schwarm über ihn hinweg, steigt steil in die Wolken hinauf und pfeift
zeternd und verschreckt. Wie ein Hilferuf klingt es, wie das verzweifelte Schreien wehrloser Wesen, die vor einem blutgierigen
Feind fliehen! Aber darauf achtet Leander nicht. Etwas anderes fesselt seine Aufmerksamkeit. Mitten auf der Lichtung steht ein
merkwürdiges Fluggerät. Eins, wie er es noch nie gesehen hat!
Ein Katamaran! Ein Doppelrumpfgleiter! Zwei schlanke spindelförmige Körper, durch ein nach oben gewölbtes Deck miteinander
verbunden! Und die knollige Verdickung auf diesem Deck - das muß die Kanzel sein!
Gebannt tritt Leander an den Katamaran heran und streicht über die dunkelviolett schimmernde Außenhaut. Er hat das Gefühl, als
drückten seine Finger in eine unsichtbare Schaumgummischicht. Einen halben Zentimeter über der Oberfläche des Flugkörpers
wird der Widerstand so stark, daß es ihm nicht gelingt, diese merkwürdige Kraft zu überwinden. Dunkel beginnt er zu ahnen, daß
dieser Gleiter nicht von Menschenhand erschaffen wurde. Das Material der Kanzel ist stumpf und undurchsichtig wie die
Mattscheibe eines Bildschirms. Anfangs kam ihm der verrückte Gedanke, er könnte in einem todesähnlichen Schlaf Jahrzehnte
oder noch länger auf dem Planeten zugebracht haben, und dies sei ein hypermoderner irdischer Gleiter. Ein Fluggerät aus einer
Generation, die er noch nicht kennt. Aber an diesem Katamaran ist nichts Irdisches. Keine Positionslampen, keine Beschriftung,
nicht einmal irgendein Emblem, ein Adler oder eine Taube oder wie bei den Pharao-Gleitern eine Sphinx. Das ist keine irdische
Konstruktion!
Leanders Gedanken überschlagen sich. Sollte es ausgerechnet ihm beschieden sein, als erster Mensch anderen
vernunftbegabten Wesen von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, die Erfüllung eines jahrhundertealten
Menschheitstraumes zu erleben? Mit dieser Möglichkeit hat er sich noch nicht ernsthaft beschäftigt. Unter Raumfahrern gehört es
nicht zum guten Ton, sich solchen Spekulationen hinzugeben, denn von Generation zu Generation verdichtete sich die Gewißheit,
daß die Menschen innerhalb ihrer Galaxis die einzigen mit hochentwickelter Vernunft ausgerüsteten Wesen sind. Und das
Erreichen anderer Galaxien ist so gut wie unmöglich…
Undeutlich blitzt die Erinnerung an einen seltsamen Traum in Leanders Gedanken auf: Ein irrsinniger Flug mitten in den
Andromedanebel hinein… Das muß erst vor kurzem gewesen sein.
Ein flackerndes Leuchten erhellt sekundenlang die Lichtung. Gleichzeitig hört Leander ein ihm wohlbekanntes, giftiges Fauchen.
Mit schnellen Schritten läuft Leander um den Katamaran herum.
Dort steht er. Funkelnd, strahlend, schillernd. In der rechten Faust einen Werfer, der verteufelt den veralteten Skorpionwerfern
ähnelt. Kaltblütig schießt er in die aufwirbelnden Wolken aufgeschreckter Ariels hinein und zielt ebenso unberührt auf die in
panischer Angst umhertrippelnden Jungtiere.
Der schillernde Skaphander wirkt wie aus einem grobfaserigen, silbrig funkelnden Gewebe hergestellt - einem Geflecht aus
zentimeterstarken, blitzenden Chromdrähten. Gleich erkennt Leander die Täuschung. In Wirklichkeit besteht die Haut des
Skaphanders aus konkaven Waben, die das grüne Licht der Sonne Zaurak wie Parabolspiegel reflektieren.
Matt und undurchsichtig schimmernd, sitzt ein elliptisch geformter, purpurfarbener Helm auf den Schultern. Ein Mensch! Ein
Mensch mit Kopf, Armen und Beinen! Etwas gedrungen und mit sehr schmalen Schultern, aber zweifellos ein humanoides Wesen!
Der Fremde hat Leander noch nicht bemerkt. Das Schauspiel, das sich ihm bietet, ernüchtert Leander. Verstört sieht er zu, wie der
Strahl aus der Waffe des Außerirdischen gnadenlos zwischen die Ariels fährt, sie zerreißt, zerfetzt, verbrennt wie
zusammengeknäultes Papier. Durch den Atemfilter dringt ein ekelerregender, beißender Gestank nach verbranntem Fleisch.
Die Bewegungen des Fremden haben etwas Zielloses, Unentschlossenes. Als täte er etwas, von dessen Sinn und Erfolg er nicht
recht überzeugt ist. Da fällt Leanders Blick auf die herabhängende linke Hand des Humanoiden. Es ist nur eine geringfügige
Kleinigkeit. Und doch rieseln Leander in diesem Augenblick kalte Schauer über den Rücken. Es ist etwas, was den Eindruck des
vertrauten und gewohnten Anblicks einer menschlichen Gestalt zerstört. Der Handschuh des Skaphanders hat vier Finger. Einen
Daumen, zwei dünne, zierliche Finger und dazwischen ein dickes, daumenähnliches Greiforgan…
Als keine lebenden Ariels mehr auf dem Boden sitzen, schießt der Fremde ziellos in die dichten Trauben der über ihm flatternden
Tiere. Dann läßt er den Werfer sinken und dreht sich um. Hinter dem undurchsichtigen Material des Helms ist das Gesicht nicht zu
sehen. Vielleicht ist es ganz gut so, daß er seine Züge hinter der stumpfen Anonymität der purpurnen Hülle versteckt. Kalter
Schweiß tritt auf Leanders Stirn. Er sieht den Blick nicht, der auf ihn gerichtet ist, aber er ahnt ihn.
Doch es kommt ganz anders. Erst erstarrt der Fremde, dann taumelt er zwei, drei Schritte zurück. Abwehrend und drohend
zugleich hebt er den Werfer. Leander könnte schwören, daß es ein Skorpionwerfer ist. Seltsamerweise hat er keine Angst, irgend
etwas in der Haltung des Humanoiden sagt ihm, daß diese Gebärde kein Zeichen von Feindschaft ist. Fast scheint es, daß er, der
Außerirdische, sich fürchtet!
In diesem Augenblick gewinnt Leander seine alte Kaltblütigkeit zurück. Er dreht die Handflächen nach außen zum Zeichen der
Friedfertigkeit und geht langsam auf den Fremden zu. Der weicht zögernd zurück.
"Hab keine Angst, ich will dir nichts tun", sagt Leander, obwohl er genau weiß, daß der andere ihn nicht verstehen kann. Das tut er
ganz mechanisch, so wie man einem streunenden Hund gut zuredet, von dem man nicht genau weiß, ob er einem die Hand leckt
oder ob er unverhofft zuschnappt.
Als der Humanoide antwortet, bleibt Leander wie angewurzelt stehen. Die Stimme ist deutlich und gut verständlich. Aber ihr Klang
läßt ihn wieder erschauern. Ohne jede menschliche Regung, monoton, roboterhaft, sagt der Fremde: "Astranda - hat - keine -
Angst. Astranda - wünscht - keinen - Kontakt."
Sekundenlang ist Leander sprachlos. Dann würgt er hervor: "Du bist ein Mensch?"
Die Antwort kommt schnell und eine Nuance lauter: "Astranda - ist - Astranda! Mensch - sein - ist - schlecht!"
Vor Verblüffung weiß Leander nichts zu sagen. Die Antwort war deutlich: Astranda ist der Name des Fremden mit der seltsamen
Stimme, die klar und rein klingt und doch so leblos. Er ist kein Mensch - und er mag die Menschen nicht. Also muß er sie kennen!
Ist er ein Späher, ein Kundschafter, der die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme recherchieren soll? Sein knappes und
vernichtendes Urteil ist ein Schock für Leander.
Er zwingt sich zur Gelassenheit. Alles ist zwar ganz anders gekommen, als er gehofft und vermutet hat, aber noch bietet sich ihm
die Möglichkeit, diesen Planeten zu verlassen. Das ist eine seiner Stärken - sich schnell der jeweiligen Situation anzupassen,
ohne langes Zaudern und Überlegen.
Noch immer stehen sie sich wie festgenagelt gegenüber. Als sei eine Wand zwischen ihnen. Es ist eine Wand, eine fast
unüberwindbare Mauer - die Fremdheit. Und doch sind sie beide die Vertreter vernunftbegabter Zivilisationen. Die
Gemeinsamkeiten müssen schwerer wiegen als die Unterschiede. Bedächtig geht Leander auf den Fremden zu.
Astranda schwankt, deutlich spürt Leander, wie der Fremde mit großer Anstrengung dem Wunsch widersteht zurückzuweichen.
Aber er bleibt stehen. Leander geht dicht an ihn heran. Dann streckt er die Hand aus und sagt: "Gib mir deine Hand, Astranda!"
Zögernd und ungeschickt hebt Astranda den Arm. Leander greift einfach zu. Die Hand des Fremden zuckt zurück, aber Leander
hält sie fest umschlossen. Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht ihn, als er merkt, wie sich die vier Finger seinem Griff entwinden
wollen. Nur kurz währt Astrandas Widerstand, dann liegt seine Hand schlaff in der Leanders, ohne den Druck zu erwidern.
"Was - hat - das - für - einen - Sinn?" fragt Astranda monoton.
Da begreift Leander. Astranda ist ein Roboter! Ein anthropoider Automat! Warum ist ihm das nicht gleich aufgefallen? Gleich,
welche Vernunft künstliche Intelligenz erschafft - eins kann sie ihr ganz gewiß nicht geben: Den in Jahrtausenden gewonnenen
Reichtum der Gefühle!
Mit Automaten kann er umgehen, das hat er gelernt. Es ist einfach, man braucht nur zu befehlen. Solange eine Anweisung nicht
gegen das Grundprogramm verstößt, wird der Roboter widerspruchslos gehorchen. "Bring mich zu deinen Herren, Astranda!"
befiehlt Leander forsch.
Der Roboter erstarrt. Sehr bestimmt kommt dann seine Antwort: "Astranda - hat - keine - Herren."
Das Geheimnis der Sonnensteine
Das Grün der Sonne Ellora sticht schmerzhaft in Quattros Augen. Doch er darf sie nicht schließen, nicht einmal mit den Lidern
zucken, geschweige denn sich bewegen. Noch peinigender als die glühenden Strahlen des Sterns spürt er die feinen, kristallinen
Nadeln des niedrigen Silberfarns durch den Umhang aus Molchleder stechen. Der Yumabogen liegt nur eine Handbreit von seinen
Füßen entfernt, und doch ist das so weit, als befände er sich auf dem Mond des Planeten Tronnt. Unmöglich, ihn zu erreichen,
einen der siebzehn Pfeile aus frisch geschnittenen Purpurnadeln aufzulegen und sich mit einem gezielten Schuß aus der
gefährlichen Situation zu befreien! Die geringste Bewegung kann den Tod bedeuten, Quattro wäre ein schlechter Jäger, wenn er
das nicht wüßte…
Bedächtig wendet der Urck den sichelförmigen Kopf. Nur ein Dutzend Schritt von Quattro entfernt ist er gelandet, und der Jäger
kann das erregte Vibrieren der Muskelpakete beobachten, die sich in wulstigen Strängen an den Sprungbeinen des Ungeheuers
hinabziehen. Kein Zweifel, er wittert den Menschen, weiß mit dem fremden Geruch aber nichts Rechtes anzufangen.
Quattro bemüht sich, flach und langsam zu atmen. Bereits das leichte Sichheben und -senken der Brust könnte genügen, den
Urck auf sich aufmerksam zu machen. Den auf krustigen Stielen sitzenden Facettenaugen entgeht nicht die leiseste Regung.
Nervös peitscht der entfaltete Segelschwanz des Tieres die splitternden Silberfarnnadeln. Fast eine halbe Minute kann der Urck
sich mit Hilfe des Hautschirms in der Luft halten und nach Opfern ausspähen. Quattro hat das charakteristische Geräusch beim
Absprung gerade noch gehört, und sofort ließ er sich rücklings fallen. Das tat er instinktiv, ein Reflex, der sich auf unzähligen
Jagden herausgebildet hat. Nur auf dem Rücken liegend, hat er freies Blickfeld. Den Beutesprung eines Urcks stehend überleben
zu wollen ist unmöglich, auch das weiß Quattro nur zu gut. Kein Mensch kann eine Stunde, zur Salzsäule erstarrt, ausharren - und
das muß man, will man der Aufmerksamkeit des geduldigen Räubers, der nur auf die geringste Bewegung wartet, entgehen.
Alles Leben im Galvanosumpf scheint erloschen. Die Trichtermolche haben sich zwischen die porösen, scharfkantigen Platten der
Kondizeen zurückgezogen, und die gallertartigen Schlangenleiber der Schleimigen Zehrer sind zu regloser Gelatine erstarrt. Der
Hauch des Todes brachte eisige Stille in die Gegend. Quattro spürt, wie sein Puls jagt, und er hofft, daß das schwache Pulsieren
dem starren Blick der Stielaugen des Urcks entgehen möge.
Das Tier wiegt den schmalen Kopf, der in einen hakenförmigen Schnabel mit zwei gräßlich scharfen Schneidkanten übergeht, und
betastet mit dem winzigen Riechrüssel den Boden. Es ist unruhig.
Quattro nimmt das nur unklar und verschwommen wahr, denn er darf die Augen nicht bewegen. Dem Urck, der die Größe eines
Pferdes erreichen kann, fallen selbst die winzigen Flatterbewegungen der Trillerlinge auf, die doch nur wenige Millimeter groß
werden.
Quattro überlegt, was er tun soll, wenn der Urck ihn doch wittert. Sollte er versuchen, den Fluß zu erreichen? Nein, die gut fünfzig
Schritte bis zum Ufer des Großen Ochsenstromes kann er nicht ungesehen zurücklegen. Dem Untier blitzschnell einen Pfeil in den
runden Leib zu jagen - das wäre möglich, aber zwecklos. Diese Tiere sind zäher als Katzen. Gegen den Urck braucht man einen
Plasmawerfer, aber den benutzt kein Mitglied der Bruderschaft der Yumajäger. Das beste ist immer noch, so tot wie nur irgend
möglich zu erscheinen.
Die tiefen Narben auf den Schenkeln des Urcks zeugen davon, daß auch er Feinde hat, die sich zu wehren wissen und manchmal
vielleicht auch als Sieger aus dem Kampf hervorgehen. Was mögen das für Fabelwesen sein? Quattro weiß es nicht. Es müssen
Tiere sein, die bisher kein Mensch zu Gesicht bekam. Der Urck stößt ein heiseres Fauchen aus und richtet den starren, eiskalten
Blick seiner Facettenaugen genau auf den reglos am Boden liegenden Jäger.
Das Herz scheint Quattro zu zerspringen, der Puls hämmert in den Schläfen, als wäre statt Blut Quecksilber in seinen Adern. Der
Sichelkopf auf dem biegsamen Schlangenhals reckt sich immer höher, ruckweise wendet die Bestie den Blick in alle Richtungen.
Der Menschengeruch macht ihn wild, denkt Quattro kühl. Der Urck kennt ihn nicht und weiß nicht, was er tun soll, hoffentlich
gipfelt seine Wut nicht in einem verheerenden Todestanz!
Aus sicherer Entfernung hat Quattro vor Jahren einmal das Toben eines Urcks beobachten können, vor dem sich ein
Schlammschaufler in allerletzter Sekunde ins Wasser retten konnte. Ohne Rücksicht auf das eigene Leben zerschmetterte das
Biest die spröde, kristalline Flora des Tronnt auf einer Fläche von einigen Dutzend Quadratmetern mit seinem Segelschwanz,
hackte blindwütig in die gläsernen Platten und Scheiben der Galvanoferen, bis es schließlich den dabei sich selbst zugefügten
Verletzungen erlag. Seit dieser Zeit hat Quattro einen abergläubischen Respekt.
Da zuckt der Kopf des Tieres hoch wie von einer Feder geschnellt. Im Bruchteil einer Sekunde sieht Quattro, wie sich die
Sprungmuskulatur der Beine zu knotigen Strängen verhärtet, dann zischt der plumpe Körper wie ein Schrapnellgeschoß durch die
Luft, und wieder hört Quattro jenes charakteristische Geräusch: "Urrrrck!"
Weit entfernt verschwindet das Tier zwischen den glasigen Tafeln und Scheiben der Kondizeen und Galvanoferen, und das
durchdringende Trompeten eines Trichtermolches zeigt an, daß ein Jäger sein Opfer erlegt hat. Nun endlich ist Quattro an der
Reihe… Doch er interessiert sich nicht für den Urck. Quattros Aufmerksamkeit gilt der spiegelglatten Oberfläche des träge
dahinfließenden Großen Ochsenstromes.
Er erhebt sich steif. Bis hierher hat er das Monoceros getrieben, denn an dieser Stelle halten sich immer Marksaugerschwärme
auf. Vorsichtig läßt Quattro den Umhang aus Molchleder von den Schultern gleiten, ganz behutsam, damit die durch das Leder
gedrungenen Nadeln des Silberfarns nicht abbrechen und in der Haut steckenbleiben.
Silberfarn, wer ist bloß auf diesen dämlichen Namen gekommen! denkt er, als er spürt, wie eine der spröden Nadeln abbricht. Er
würde diese Pflanze eher Teppichkaktus nennen, denn mit einem Farn hat sie gar nichts gemeinsam. Sie ähnelt schon eher dem
irdischen Moos, nur daß da eben diese dünnen, glasfasergleichen Nadeln sind.
Quattro breitet den Umhang aus, setzt sich vorsichtig und holt ein Stück des proteinreichen Zehrerfleisches aus dem Lederbeutel.
Das in der prallen Sonne gedörrte Fleisch des Schleimigen Zehrers ist seine einzige Nahrung, fade und zäh, aber auch sehr
nahrhaft. So dicht vor dem Ziel darf er keinen Fehler begehen, deshalb zwingt er sich zu dieser Pause, um den überreizten
Nerven Gelegenheit zu geben, sich zu beruhigen.
Er beobachtet die Wasseroberfläche. Winzige Bläschen verraten dem erfahrenen Jäger den Aufenthaltsort seines Wildes. Dort, wo
sie perlend aufsteigen, nur dem geübten Auge sichtbar, verharrt das Einhorn träge auf dem Grund des Großen Ochsenstromes,
um blitzschnell seinen Schleuderarm aus den Wellen peitschen zu lassen, wenn ein Beutetier in seine Nähe gerät.
Als der Admirander ihm befahl, ein Monoceros ellorae zu erlegen, war Quattro verblüfft. Reganta erklärte ihm daraufhin knapp,
daß die Ärztekommission die psychische Konstitution des Kosmanders für zu instabil halte, um ihm die Benutzung des
Traumteufels gestatten zu können. Er sei völlig am Ende, kurz vor einem Nervenzusammenbruch, wie Medikaster Bornschleif
behaupte.
Also sagte der Admirander: "Kosmander Elldes, ich befehle Ihnen, ein Monoceros ellorae zu erlegen. Sie sind für uns zu wichtig,
als daß wir Ihnen gestatten dürften, schlappzumachen und womöglich monatelang auszufallen! Machen Sie Urlaub, erholen Sie
sich, das ist ein dienstlicher Befehl!"
Und wirklich, Quattro war ihm dankbar, obwohl er es erst nicht fassen konnte. Es gelang ihm sogar, Distanz zu den Vorgängen auf
der Erde zu gewinnen, teilweise zu vergessen, in welcher Lage sich die Menschheit befindet.
Der Admirander wußte natürlich, daß sich ein Angehöriger der Bruderschaft der Yumaschützen am effektivsten auf der Jagd
erholen würde. Also schickte er ihn auf die Reise zum Planeten Tronnt, wo vor Jahrzehnten Tronnt Yuma, nur mit einem
Badeumhang bekleidet und fast ein dreiviertel Jahr auf sich allein gestellt, überlebte, nachdem die Ronde, ein rasender Sturm von
Schleierdrachen, ihn in einen tiefen Felsspalt geschleudert hatte. Seine Kameraden waren damals der Meinung, er wäre
ertrunken, und flogen ohne ihn ab, nachdem sie eine Woche die Ufer des Großen Ochsenstromes vergeblich nach seiner Leiche
abgesucht hatten. So entstand das Yumaritual.
Auch Quattro ließ sich völlig unbekleidet aussetzen und wartete, bis der Raumkreuzer in den Wolken verschwunden war. Seine
einzige Verbindung zur Zivilisation stellt jetzt der Foner, ein am Handgelenk zu tragender Mikrosender, dar, der für den
Überwachungsdienst der Galaxtourex eine spezifische Kennung sendet, die Auskunft über Quattros Aufenthaltsort und
Gesundheitszustand gibt. Mehrmals hat Quattro schon gefordert, auf den eines Yumaschützen unwürdigen Foner zu verzichten.
Doch der Überwachungsdienst blieb stur.
Ebenso hat man seine Forderung abgelehnt, die Galvanosümpfe im Delta des Großen Ochsenstromes zum Sperrgebiet zu
erklären und ausschließlich der Bruderschaft vorzubehalten.
Obgleich die Einhornjagd ein Privileg ist, das nicht einmal alle Yumabrüder besitzen, kommt es häufig vor, daß Unerfahrene der
Versuchung nicht widerstehen können, sich auf die Fährte einer Panzerechse zu heften. Immer wieder hat er daraufhingewiesen,
daß der Name des Tieres irreführend ist. Das Monoceros ellorae ist kein edles Roß mit einem Horn auf der Stirn. Die mit starken
Knochenplatten gepanzerte, extremitätenlose Echse ist an Land beinahe so schnell wie ein Reitpferd, obwohl sie sich nur mit Hilfe
der abgespreizten Brustschuppen vorwärts bewegt.
Gefährlich kann sie vor allem im Wasser werden. Der bis zu neun Meter lange Schleuderarm weist am Ende eine keulenförmige
Verdickung mit einer scharfen Hornkante auf. Damit kann sie einem Menschen ohne weiteres mit einem Schlag den Kopf vom
Rumpf trennen.
Im eingezogenen Zustand ragt diese mörderische Waffe als spitzer Stachel aus der Stirn des Tieres. Das ist die einzige Analogie
zum Einhorn der irdischen Sagen und Märchen. Überrascht der aufpeitschende Schleuderarm den Jäger, ist der rettungslos
verloren.
Doch die Behörden winken jedesmal beschwichtigend ab, wenn Quattro seine Vorschläge unterbreitet. Wenn es nach ihm ginge,
dürften im Ochsenstromdelta nämlich auch keine Diplomatenjagden mehr veranstaltet werden…
Die Jagd gemäß dem Yumaritual ist kein sinnloses Gemetzel, da keinerlei Feuerwaffen verwendet werden dürfen.
Die ersten Stunden sind immer die unangenehmsten. Zitternd vor Furcht, stand Quattro auch diesmal auf dem ausgebrannten
Fleck, den das Raumschiff hinterließ. Ja, er hatte Angst - und jetzt, als es keiner sehen und hören konnte, unterdrückte er nicht
einmal das Klappern seiner aufeinanderschlagenden Zähne. Er war nackt und wehrlos wie ein Neugeborenes!
Nein, das ist nicht exakt, denkt Quattro und reißt mit den Zähnen einen fasrigen Streifen vom Zehrerfleisch. Wehrlos bin ich nicht,
denn wir Menschen besitzen eine übermächtige Waffe - den Verstand. Vorsichtig schritt er über den Teppich aus Nadeln und
Stacheln des Silberfarns, der jedes Stück halbwegs trockenen Bodens in den Galvanosümpfen bedeckt. An die feinen Stiche der
elektrischen Entladungen beim Splittern und Bersten unter seinen Füßen gewöhnte er sich rasch. Das Potential des spröden,
brüchigen Niederwuchses der Tronnt-Flora ist gering.
Vorsehen mußte er sich allerdings vor den hoch aufragenden glasigen Scheiben der Kondizeen. Die sprühenden Funken und
Blitze, die häufig zwischen ihnen aufzucken, sind gefährlich. Auch der glasige Schaum, der aus ihren Kanten quillt, muß beachtet
werden. Die wie Seifenblasen durch die Luft schwebenden schillernden Kügelchen, die sich aus ihm lösen, streuen beim
Zerplatzen eine Unmenge kristalliner Sporen aus, die scheußlich auf der Haut brennen.
Die den Kondizeen verwandten Galvanoferen produzieren geringere Spannungspotentiale, aber die porösen Tafeln sind von
einem Röhrensystem durchzogen, aus dem sie während der Ronde kleine Stacheln in die Luft schießen, die an ihrem Ende eine
ähnliche Sporenblase tragen.
Quattro schlich durch die klirrende und klingende Vegetation und näherte sich einer Staude aus Purpurnadeln. Eine etwas mehr
als mannshohe Nadel schien ihm geeignet. Mit einer Hand hielt er sie fest, mit der anderen griff er einen Stein und schmetterte ihn
gegen den Fuß des Gewächses. Klirrend brach der Stengel, und Quattro besaß einen zwar spröden, aber vorzüglich zu
handhabenden Speer. Da diese Waffe leicht entzweibrach, war es notwendig, an reichlichen Ersatz zu denken. Den elektrischen
Schlag, der ihn jedesmal durchzuckte, mußte er in Kauf nehmen. Selten sind es mehr als knapp sechzig Volt, das ist ihm bekannt.
Seine erste Bewaffnung diente ausschließlich dazu, sich mit Kleidung und Nahrung zu versorgen. Mit solch primitiven Speeren ein
Einhorn anzugehen wäre nicht nur töricht, sondern selbstmörderisch. Am wichtigsten war erst einmal Schuhwerk, seine Fußsohlen
bluteten schon, zerschnitten von den spröden, scharfkantigen Gewächsen des Planeten Tronnt.
Jedes Geräusch vermeidend, spähte er zwischen die porösen Platten der Galvanoferen. Dort verstecken sich die Trichtermolche,
weil die messerscharfen Kanten der glasigen Scheiben sie vor ihren Todfeinden, den Schleimigen Zehrern, schützen.
Plötzlich horchte Quattro auf und erschrak. Sollte er gerade in eine Ronde hineingeraten sein? Tatsächlich, das Jaulen und
Heulen wurde immer stärker.
Schnell ebnete er mit einem Speer eine Stelle, so daß er sich hinlegen konnte. Dann preßte er sich fest gegen den Boden.
Dumpfes Brausen und Grollen schien aus dem Inneren des Tronnt emporzusteigen. Aufmerksam sah Quattro sich um. Ja, dort
regte sich schon einer und dort auch! Überall zwischen den zackigen Platten der Galvanoferen wurde es lebendig. Da sah er auch
schon, wie sich ein in einen Trichter mündender muskulöser Schlauch entrollte. Die Trichtermolche rüsteten zur Jagd. Das war die
endgültige Bestätigung dafür, daß die Ronde herangefegt kam!
Quattro merkte sich genau die Stellen, wo die Molche saßen. Vielleicht war es ein glücklicher Zufall, daß er ausgerechnet zu
diesem Zeitpunkt mit seiner Jagd begann. So brauchte er nachher nicht lange nach den Erdhöhlen der Molche zu suchen,
sondern konnte die vollgefressenen Tiere an der Oberfläche erlegen, weil sie einige Zeit brauchen, um sich in ihre Gänge
zurückzuziehen!
Da brauste und tobte es auch schon über ihn hinweg wie ein Orkan.
Millionen von Schleierdrachen, zu einer gigantischen Wolke zusammengeballt, folgen in einer wilden Jagd dem Lauf der Sonne
Ellora, rastlos, ohne Pause, ihr ganzes Leben lang. Das ist sie, die Ronde! Eine merkwürdige Mischform aus dem galvanischen
und dem eiweißorganischen Leben auf dem Planeten. Eine verfehlte, zum Untergang verurteilte Form des Lebens. Eine grausame
Laune der Natur.
Blinde und taube Flugwesen, nur mit einem einzigen Sinnesorgan ausgerüstet, das sie den Sonnenstand erkennen läßt. Ihre
Lebensenergie beziehen sie, wie die gesamte Flora des Tronnt, direkt aus der sengenden Strahlung der Sonne Ellora. Aber sie
sind nicht in der Lage, diese Energie zu speichern, und so jagt die Wolke seit Millionen von Jahren in rasendem Flug um den
Äquator des Tronnt, immer der Sonne hinterher, ohne die diese gespenstischen Wesen sofort sterben würden…
Drei Wochen benötigen die Schleierdrachen, um den Tronnt einmal zu umrunden. Alles Leben im Äquatorgürtel des Planeten hat
sich diesem Zyklus angepaßt. Splitternd und klirrend bersten die Platten und Scheiben der Kondizeen und Galvanoferen unter der
Gewalt der Ronde. Bruchstücke, scharfkantig und gezackt, wirbeln umher. Überall das scharfe Knallen, mit dem die dünnen
Flächen reißen und springen. Als wäre ihnen das eigene Schicksal bewußt und sie rächten sich dafür an der Natur, so zerstören
und vernichten die Schleierdrachen erbarmungslos, was ihnen auf ihrem ewigen Zug entgegentritt.
Deutlich konnte Quattro beobachten, wie die Galvanoferen Tausende ihrer kleinen Pfeile in den Himmel schossen, bevor sie
zusammenbrachen. Manche fielen wieder herab, aber viele bohrten sich auch in die Körper der Flugwesen, die sie so Hunderte,
Tausende Kilometer mit sich trugen und deren Sporen sie über den ganzen tropischen Gürtel des Tronnt verstreuten.
Immer wieder zischten die Trichter der lauernden Molche Dutzende Meter in den Himmel, weiteten sich zu gigantischen
Schlünden, wurden von der Ronde niedergeschleudert. Aber selten geschah es, daß der Schlauch schlaff und hohl zu Boden
sank. Fast jedesmal gelang es den Trichtermolchen, einige Schleierdrachen in ihre Fangorgane zu saugen…
Quattro lag zitternd am Boden. Die Molche konnten ihm nichts anhaben, auch wenn einer der Trichter dicht neben ihm auf den
Boden klatschte, störte es ihn nicht. Aber die durch die Lüfte schwirrenden messerscharfen Bruchstücke der seltsamen Pflanzen
würden ihn ernsthaft verletzen. Polternd und krachend stürzte dicht neben ihm eine Kondizee um. Ein schmaler Spalt blieb frei
zwischen der gläsernen Platte und dem Boden. Dorthinein verkroch sich Quattro und atmete erleichtert auf. Jetzt war er relativ
sicher.
Fast drei Stunden tobte die Ronde. Welch eine Ausdehnung muß diese lebendige Wolke haben! dachte Quattro beeindruckt. Dann
trat Stille ein.
Quattro blieb noch eine Weile liegen. Er mußte sich erst an die plötzliche Ruhe gewöhnen, seinem Gehör Zeit lassen. Vorher
durfte er sich nicht aus seinem Versteck wagen. Die ganze Fläche des Galvanosumpfes, die er überblicken konnte, war ein
Trümmerfeld. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß nun auch die elektrische Aktivität der Pflanzen stark abgesunken war.
Behutsam tastete Quattro nach dem kleinen Heliolith, den er unter dem Armband des Foners versteckt hatte. Kein Mensch durfte
von seiner Existenz wissen! Er würde sich nie von ihm trennen. Einst, als das Reich Korenth noch existierte und Großadmiral
Elldes Herrscher Korenths war, hatte er dem damals siebenjährigen Sohn den Stein geschenkt und gesagt, er solle ihn hüten wie
seinen Augapfel, er werde eines Tages zum Symbol der Macht und der Herrschaft über die ganze Menschheit werden.
Alarm im Tunnel Transterra
Erst als die Nachtkälte der Wüste seinen Körper zu versteinern droht, erhebt sich Asper müde und zerschlagen, um in die muffige
.Der Fremde verschwand hinter der nächsten Ecke. Diesmal hatte ich es genau gesehen: Er war von humanoider Gestalt! Sollten
doch die orthodoxen Phantasten recht behalten, die behaupten, alle Vernunftbegabten seien menschenähnlich? Der Natur soviel
Einfallslosigkeit zu unterstellen, hatte ich als Todsünde angesehen.
An der Ecke, die den Schatten des Fremden hastig verschluckt hatte, verweigerte meine Lunge den Gehorsam. Ich schnappte
keuchend nach Luft und klatschte lang auf den Boden. Vor meinen Augen sprühten Funken. Stolpernd erhob ich mich und schaute
wehmütig in die Richtung, in die der Fremde davongeeilt war. Zwecklos, ich würde ihn nicht mehr einholen. Aber ich konnte ja
trotzdem hinterhergehen.
Kaum nötig, zu sagen, daß ich total die Orientierung verloren hatte. Mir blieb nur die Möglichkeit, der Richtung zu folgen, die der
Fremde eingeschlagen hatte. Er mußte ein Ziel gehabt haben, man rennt schließlich nicht einfach so zum Spaß durch einen
Raumkreuzer. Irgendwo würde ich ihn finden. Noch hatte ich vierunddreißig Minuten Zeit!
Der Gang, durch den ich mich hindurchschleppte, verbreiterte sich allmählich zu einem Dickdarm. Und wenn das anatomisch nicht
Blödsinn wäre, würde ich sagen, daß ich plötzlich im Magen stand, in einem langgestreckten Raum von ovalem Querschnitt,
ungefähr so groß wie eine kleine Turnhalle. Das rote Licht war in diesem Raum so stark, daß es in den Augen schmerzte. Doch
die Zotten fehlten. Sie verschwanden nicht übergangslos, sie wurden allmählich kürzer und dünner, bis sie mit dem bloßen Auge
nicht mehr zu erkennen waren.
Plötzlich sah ich die anderen, und ein eisiger Schreck durchzuckte mich. Auf dem Boden, der aus schiefen, sechseckigen Waben
zusammengesetzt schien, lagen acht reglose, unförmige Bündel. Die Begegnung kam so überraschend, daß ich erstarrt
stehenblieb und nicht wagte, mich zu rühren. Ich hatte sie gefunden! Ein Zweifel war ausgeschlossen.
Nichts rührte sich. Es war eine beklemmende, unheilvolle Stille. Die Fremden sahen ganz anders aus, als ich glaubte erkannt zu
haben. Das waren keine menschlichen Gestalten. Sie glichen riesigen dunkelbraunen - Quallen! Ein schlaffes, faltiges, runzliges
Oberteil von der Form einer Glocke, aus dem eine Vielzahl dünner, aber offenbar muskulöser Tentakeln ragte.
Ich wagte kaum zu atmen, so fest hielt mich das Entsetzen gepackt. Meine Nerven hatten mir einen gewaltigen Streich gespielt,
als ich meinte, ein menschenähnliches Wesen gesehen zu haben! Diese hier hatten überhaupt nichts Menschenähnliches.
Nirgends gab es etwas, was auch nur entfernt Sinnesorganen glich, keine Augen, Ohren oder Nasen. Ein unheimlicher Schauder
ergriff mich, als mir klar wurde, daß hier alles einer Unterwasserwelt ähnelte, die verschlungenen Gänge mit ihrem korallenartigen
Bewuchs und die Wesen selbst.
Die Fremden bewegten sich nicht. Sie lagen in seltsamen, unnatürlich anmutenden Haltungen auf dem Boden des Magens, als
seien sie bei meinem Eindringen in sich zusammengefallen. Vielleicht ist das eine Abwehr- oder sogar eine Drohgebärde?
durchzuckte es mich. Ich hob langsam die Hände, um meine Friedfertigkeit zu demonstrieren und um ihnen zu zeigen, daß ich
ohne Waffen sei. Keine Reaktion. Nichts verriet, ob Leben in diesen gespenstischen Wesen war.
Kurz entschlossen machte ich einen Schritt auf sie zu und noch einen und noch einen dritten - sie rührten sich nicht. Sie lagen da,
als seien sie - das war es! Auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die unnatürliche Stellung war keine Drohgebärde,
die fremden Wesen waren - tot!
Ich ging in scheuem Abstand um sie herum. Tatsächlich, sie beantworteten meine Zudringlichkeit nicht mit der geringsten Regung,
es schien eindeutig zu sein - sie waren nicht mehr am Leben.
Zweifel beschlich mich. Es gab noch eine zweite Möglichkeit: Anabiose. Ich starrte mit gemischten Gefühlen auf die unheimlichen
Fremden, und die instinktive Furcht wich kühler Überlegung. So oder so, eine Kontaktaufnahme war unmöglich.
Die logische Konsequenz ließ mir einen frostigen Schauer über den Rücken rieseln. Meine Uhr zeigte, daß nur noch eine knappe
halbe Stunde blieb. Unmöglich, in dieser geringen Zeitspanne noch etwas zu erreichen. Sie waren dem Tode geweiht. Mir war
unwohl, aber das fremdartige Äußere der Quallenwesen machte mir die Entscheidung leichter. Auch stand es dreißigtausend zu
acht, und von den acht wußte ich nicht einmal genau, ob sie überhaupt noch am Leben waren. Wir mußten den Raumkreuzer
vernichten!
Doch waren diese acht die einzigen Insassen des gigantischen Raumkreuzers? Vielleicht bist du zufällig in die Anabiosekammer
geraten, sagte ich mir, während die andere Hälfte der Besatzung in einem anderen Teil des Schiffes zu finden ist? Gut, einen
allerletzten Versuch wollte ich noch unternehmen. Ich warf noch einen Blick auf die Körper der fremden Raumfahrer, dann drehte
ich mich um und suchte die Wände dieses Raumes nach einem Ausgang ab. Unschlüssig trat ich an die Wandung des Magens
heran. Er besaß anscheinend nur den einen Zugang, durch den ich ihn betreten hatte. Aufmerksam untersuchte ich die Wände,
aber nirgends war eine Spur zu entdecken, die auf eine Öffnung schließen ließ. Die Wände waren wie ein Mosaik von einem Netz
haarfeiner Linien durchzogen.
Plötzlich schrie ich überrascht auf. Das war tatsächlich ein Mosaik! Ein Mosaik aus Bausteinen, die ich sehr gut kannte. Die
Wände des Magens waren übersät mit unzähligen hellstrahlenden - Sonnensteinen!
Sonnensteine hier im Raumkreuzer! Meine Ahnung hatte mich nicht getrogen, Spinks hatte einen kapitalen Fehler mit der
Vernichtung des kleinen Helioliths begangen. Mir schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Die Heliolithhöhlen auf dem
dritten des Alpha! Sie konnten kein Zufall sein, der Raumkreuzer ebensowenig. Da bestand ein handfester Zusammenhang. Das
Verbindungsglied zwischen beiden Fakten konnten nur wir sein, wir Menschen.
Ich rannte in den Gang zurück und bog, alle Vorsicht außer acht lassend, die erregt auf und nieder pendelnden Zotten
auseinander. Tatsächlich, unter ihnen leuchteten ebenfalls Sonnensteine! Der gesamte Raumkreuzer war demnach eine
großartige Grotte voller Heliolithe. Welche Funktion hatten sie zu erfüllen? Waren etwa - sie die wahren Herren des
Raumkreuzers? Und nicht jene häßlichen toten Quallen, die vielleicht nur Roboter waren?
Meine Gedanken überschlugen sich. Im Innersten war ich mehr geneigt, den kleinen, harmlosen Sonnensteinen die Rolle der
intelligenten Wesen zuzubilligen. Hatte ihnen der von Spinks vernichtete Sonnenstein einen letzten verzweifelten Hilferuf senden
können? Waren sie deshalb so zurückhaltend und mißtrauisch? Ich wich scheu zurück und beobachtete, wie sich der Zottenpelz
schloß und in meine Richtung sträubte. Grübelnd ging ich noch einmal in den Magen.
Es gab eine weitere Möglichkeit: Die Heliolithe und die Quallenwesen konnten in einem symbioseähnlichen Verhältnis miteinander
leben. Hier durfte ich nicht mit irdischen Maßstäben messen. Die Sonnensteine verstärkten ihr Strahlen, als ich näher kam. Vorhin
war mir das nicht aufgefallen, weil die Quallen meine Aufmerksamkeit beanspruchten. Ich trat nach einem kurzen Seitenblick auf
die anderen Wesen - sie hatten ihre Stellungen nicht verändert - fasziniert an die Wand heran.
Die Sonnensteine überschütteten mich mit einer Flut rubinroten Wellen. Unwillkürlich streckte ich die Hand nach ihnen aus. Ganz
leise glaubte ich Stimmen zu vernehmen. Fremdartige Stimmen, die eindringlich auf mich einredeten. Ich zog die Hand zurück und
drehte den Verstärker des Außenmikrofons voll auf. Im Bann dieser vermeintlichen Stimmen lauschte ich angestrengt. Sie wurden
nicht lauter, im Gegenteil, bald waren sie nur noch ein wispernder Windhauch. Ich wußte nicht, ob ich diese Laute überhaupt
Stimmen nennen durfte. Es war mehr ein Eindruck. Was die Stimmen - wir wollen sie einfach so bezeichnen - wisperten, war nicht
zu verstehen. Aber sie waren da. Hunderte, vielleicht auch Tausende. Ich hörte sie. Als ich die Hand ein zweites Mal ausstreckte,
wurden sie stärker. Der unsichtbare Chor schwoll im gleichen Maß an, wie sich meine Hand den Sonnensteinen näherte.
Kurz entschlossen legte ich die Hand auf das rote Funkeln. Wie heiße Säure schoß es durch meinen Arm und brachte mein Blut
zum Sieden. Nein, es war keine Säure, es war ein Schrei, der durch meinen Körper jagte, ihn schüttelte und beben ließ, als hätte
ich eine Starkstromleitung berührt. Die Beine knickten mir weg. Der grausame Schmerz spannte meinen Körper wie eine Saite, die
jeden Augenblick reißen muß. Mit glühender Hitze brannte sich dieser Aufschrei einen Weg in mein Bewußtsein. Es war kein Wort.
Eine unsagbar schmerzhafte Empfindung überschwemmte mit diesem bioelektrischen Schlag mein Denken: "Geh!" Ich konnte
diese eindringliche Aufforderung nicht mehr befolgen. Der mächtige Sinnesimpuls löschte mein eigenes Denken aus wie ein
Talglicht. Ich kippte hintenüber und hatte das Gefühl, von einer riesigen Kaffeemühle zermalmt zu werden. Sie zerrieb mein
Bewußtsein zu feinem, totem Staub.