Leseproben Drachenkreuzer Ikaros Vor dem roten Schott der Luftschleuse bleibt er stehen. Muß er ja. Da ist ein numeriertes Tastenfeld, ähnlich denen, wie sie an den Schleusentüren auf der Basis angebracht sind, allerdings nicht mit achteckigen, sondern mit runden Tasten. Eins ist immer Öffnen! Mehr muß man nicht wissen, weil alles andere automatisch abläuft und die restlichen Tasten nur für Wartungstechniker oder im Fall eines Defekts von Bedeutung sind. Ein weißlicher Nebel faucht Marigg entgegen, als sich das Schott öffnet. Die Kammer ist nicht sehr groß, sechs Mann würden sich wohl schon auf die Zehen treten. Dafür geht alles sehr schnell. Es, ist eben eine Sicherheitsschleuse, die normalerweise optoelektronisch gesteuert wird und ihren eigentlichen Sinn erst erfüllt, wenn ein Leck oder eine andere Havarie hermetische Abdichtung erfordert. Kaum hat sich das rote Schott geschlossen, zischen wieder milchige Nebel aus irgendeiner Ecke, die sich aber rasch verflüchtigen. Dann schnellt das Innenschott zurück und gibt den Weg in einen diffus erleuchteten Korridor frei. Ein Blick auf das Barometer sagt Marigg, daß hier irdische Druckverhältnisse herrschen, ein zweiter auf den Analysator, daß es tatsächlich Luft ist, was diesen Gang füllt. Die Temperaturanzeige meldet minus achtzehn Komma drei Grad. Marigg öffnet die Rückenluke des Cataphracts und steigt aus dem Panzer. Einen Augenblick denkt er auch daran, den Helm abzunehmen, aber achtzehn Grad minus können einem auch die frischeste Luft verekeln, und außerdem ist nicht erwiesen, daß fünfunddreißig Jahre alte Luft besser riecht als die aus dem Servicetornister.  Also läßt er den Griff des Bajonettverschlusses wieder los und sieht sich erst einmal um. Das Sintermaterial der Tunnelwand zeigt keine Spuren der enormen Hitze, die bis hierher vorgedrungen sein muß, aber die Abdeckungen der Leuchtbänder haben sich verzogen und sind teilweise herabgefallen. Weiter zeugt nichts von der Höllenglut, die alles Leben erbarmungslos auslöschte. Jetzt ist der Boden sogar mit einem feinen Schleier aus Rauhreif bedeckt, so kalt ist es in dem Gang. Plötzlich stutzt Marigg. Weshalb ist es hier so unglaublich kalt? fragt er sich verblüfft. Normalerweise müßten die Temperaturen bis an den Siedepunkt heranreichen, wenn man voraussetzt, daß die Klimaanlage ebenfalls zerstört wurde. Aber wenn es hier noch Energie gibt, warum sollte dann nicht auch die Klimatisierung noch funktionieren? Er hastet zum nächsten Luftaustritt und hält die Hand vor die vergitterte Öffnung. Ich Esel! schilt er sich, als ihm bewußt wird, daß er durch den Skaphanderhandschuh nichts merken kann. Also kratzt er einige winzige Kristalle des Rauhreifs vom Boden und legt sie sich in die Handfläche. Dann führt er die Hand behutsam wieder vor das Gitter des Lüftungsschachts. Sie müßten schmelzen oder wenigstens davongeblasen werden, wenn die Ventilation arbeitet, denkt er. Die Eiskristalle glitzern reglos und kalt. Marigg mustert eingehend die Wände. Bei dieser Temperatur müßte sich doch der Reif auch dort niederschlagen, wo innerhalb des keramischen Materials die Rohre mit dem flüssigen Helium verlaufen, aber die Wandung ist völlig eisfrei. Die Kühlaggregate der Klimatisierung arbeiten also nicht. Woher rührt dann diese unheimliche Kälte? Unentschlossen geht Marigg weiter. Hier kann es doch keine lebenden Wesen geben, sagt er sich, aber die Aura des rätselhaften Fremden schwingt klar und rein und weist ihm den Weg. Der Gang mündet in einen gewölbeartigen Raum. Neben dem Eingang steht das verrußte Gerippe eines Schreibtisches, darunter liegt ein ausgebranntes Gestell, das wohl einmal ein Videophon oder ein Terminal war. An der gegenüberliegenden Wand hängen noch Metallrahmen, in denen sich einst Bilder befunden haben mochten. Am Boden entdeckt Marigg Tonscherben und flockige Aschereste. Das mögen Blumentöpfe gewesen sein. Links und rechts führen Pendeltüren weiter, von deren Glasscheiben nur noch zackige Ränder geblieben sind. Marigg konzentriert sich. Das mentale Feld muß rechts sein. Undeutlich sind noch Schriftzeichen neben der rußgeschwärzten Tür zu erkennen. Substitutionsklinik - buchstabiert er langsam. Einige Türen der Klinikräume stehen offen. Marigg wirft nur in die ersten vier einen kurzen Blick. Überall das gleiche Bild: verkohlte, verrußte, geschmolzene oder verbrannte Geräte und Einrichtungsgegenstände. Im dritten Zimmer glaubt er einen verkohlten Strunk auf dem  ausgeglühten Operationstisch zu erkennen und prallt angewidert zurück.Dann aber beruhigt er sich: Es muß eine Decke oder etwas Ähnliches sein, denn die sterblichen Überreste derjenigen Kranken und hier Diensttuenden, die es nicht mehr bis an die vermeintlich Rettung verheißende Planetenoberfläche geschafft hatten, wurden ausnahmslos würdig bestattet. Jedes Aschehäufchen wurde untersucht, weil es nicht auszuschließen war, daß es sich um das wenige handelte, was von einem Menschen bleibt, der solch einen grausamen Tod findet. Nein - Leichen oder deren verkohlte Reste wird er hier ganz gewiß nicht finden. Marigg atmet erleichtert auf, dann aber erinnert er sich daran, daß Skamanders Vater hier irgendwo in einem der Substitutionsbetten gelegen haben muß, als die Beben den Planetenboden zersprengten und die nachfolgenden Eruptionen ihr tödliches Feuer gegen die Station schleuderten. Er weiß auch, daß sich der Mann nicht bewegen konnte, weil er in einer Maschine steckte, die seinem Körper die verbrannte Haut ersetzte… Marigg schluckt krampfhaft. Wer könnte den Haß nicht verstehen, den Skamander für die Sonne empfindet, die nicht nur Leben gibt, sondern auch gnadenlos vernichtet, wenn es sich ihr zu waghalsig nähert. Was wird wohl von den Ruinen dieses Menschenwerks bleiben, wenn die Sonne zum zweitenmal ihren feurigen Atem ins All hinausbläst und die Planeten mit Schwerewellen schüttelt? Hier jedenfalls wird sie keine Menschen töten können, dieses Gebiet gehört ihr und wird ihr nicht mehr streitig gemacht. Aber der Fremde! durchfährt es Marigg. Weiß er überhaupt, welche Katastrophe bevorsteht? Verdammt noch mal - ganz gleich, wer oder was diese geheimnisvollen Wesen sind: Sie müssen hier weg, und zwar so schnell wie möglich! Warum fällt mir das erst jetzt ein? fragt sich Marigg mit einem Gefühl tiefster Scham. Unwillkürlich beginnt er zu laufen, wird immer schneller, als käme es auf jede Sekunde an. Die gemeinsame Aura der fremden Wesen zieht ihn wie ein Sog. Marigg gerät ins Schwitzen, keucht vor Anstrengung. Der Gang beschreibt einen Knick, und Marigg steht plötzlich vor einer Gittertür. Unbefugten Zutritt verboten! steht, kaum noch lesbar, auf einem angeschmolzenen Schildchen, und daneben, direkt auf der Wand: Substitutsregeneratoren. Mit dem etwas kleiner geschriebenen Zusatz: Nur für Personal der dritten aseptischen Stufe. Das Gitter ist verschlossen, aber die einige Schritt dahinter befindliche Bioschleuse steht weit offen. Marigg kann sogar die anscheinend unbeschädigten Apparaturen der Regeneratoren sehen und staunt gewaltig, als er feststellt, daß die Kontrollämpchen in allen Farben leuchten und blinken. Dann hört er auch das leise Summen. Vergeblich rüttelt er an dem Gitter. Das Gedankenfeld des Fremden wird immer stärker. Marigg wirft sich mit aller Gewalt gegen die Gittertür, bar jeder Vernunft, die ihm sagen müßte, daß dies das untauglichste Mittel ist. Plötzlich verharrt er. Das Außenmikrofon überträgt ein Geräusch, das ihm eisige Schauer über den Rücken rinnen läßt, ein hohes, klagendes Jammern, das gleich darauf in schrilles, geradezu frenetisches Kreischen übergeht. Mariggs Finger krampfen sich um die Gitterstäbe, sein Hals wird trocken. Ein irrsinniger Gedanke durchzuckt ihn: Das klingt ja fast wie eine Mundharmonika! Die Töne nähern sich, begleitet von einem rhythmischen Platschen wie von nackten Füßen. Marigg preßt sich gegen das Gitter, auf einmal weiß er: Er kommt, sie kommen, es kommt… Das Klatschen wird zu einem Schurren und Schlurfen, als wälze sich ein riesiger Tausendfüßer durch den Gang hinter der Bioschleuse. Angst befällt Marigg. Die Fremden schweigen noch immer, und Marigg denkt gar nicht mehr daran, daß er selbst dieses Schweigen stöhnend gefordert hat und es mit einem einzigen gedanklichen Impuls durchbrechen könnte. Nur das Schurren und Knistern des gewaltigen Gedankenfeldes hüllt ihn ein, Oh, großer Dual, hilf mir! fleht er inständig. Hilf mir, stark zu bleiben! Was ist das, was da zu mir kommt, was wird es tun, was soll ich machen? Da! Ein gewaltiger Schatten schwankt heran. Marigg befällt ein Zittern, das seinen ganzen Körper schüttelt, seine Augen weiten sich vor Entsetzen, und ein unartikulierter Schrei löst sich aus seiner Kehle. Das erste Wesen muß weit über zwei Meter groß sein, sein Kopf berührt beim Gehen fast die Decke des Korridors. Marigg fühlt, wie seine Knie weich werden. Platsch, platsch - die nackten Füße des Wesens klatschen auf den reifbedeckten Boden, die säulenartigen Beine sind beim Gehen immer etwas eingeknickt. Der Körper ähnelt entfernt dem eines Menschen, nur sticht das Brustbein spitz hervor, und der Oberkörper ist seltsam schief, geht links gleich in einen kurzen Hals über, schulterlos, während sich rechts die Muskelstränge eines gewaltigen Armes runden. Auf der rechten, einzigen Schulter hockt irgend etwas Undefinierbares, das Marigg noch nicht klar erkennen kann, der Arm jedoch ist zurückgebogen und schleppt ein Gebilde hinter sich her, das wie ein Wurm aus Dutzenden Leibern erscheint. Die Zähne schlagen Marigg klappernd aufeinander, ein Ruck geht durch seinen Körper, er will aufspringen, davonlaufen, denn das Abscheulichste an diesem Wesen ist der Kopf! Ein mißgestaltes Ding mit Beulen und Schwielen sitzt auf dem Hals, anstelle der Nase gähnen zwei dunkle Löcher, und unter diesen schrecklichen Höhlen zucken zwei mehrfach gespaltene Lippen. Aber Marigg kann nicht davonlaufen. Die mächtige Aura des Wesens hält ihn gefangen. Du bist kalt! Soll ich dir Wärme geben? peitschen die fremden Gedanken durch sein Gehirn. Ja, Marigg fühlt wirklich eisige Kälte, die wie ein Klumpen in seinem Bauch liegt. Aber er spürt auch sofort den Strom von Güte, der aus der Aura des schrecklichen Geschöpfs quillt, noch bevor er antworten kann. "Wer bist du?" stößt er fassungslos hervor und weicht langsam zurück. Der Fremde stampft schwerfällig auf ihn zu. Nun erkennt Marigg, was er hinter sich herschleppt: Die sieben Finger seiner einzigen Hand umklammern den Oberarm eines zweiten, kleineren Wesens, das beinahe nur aus Speckfalten zu bestehen scheint und irgend etwas noch Winzigeres, Quakendes an sich preßt. Unter der zusammengequetschten Stirn dieser Kreatur funkelt ein milchiges Auge, anstelle des zweiten hat dieses  unmenschliche Gesicht eine Geschwulst, die speckig glänzend die ganze Gesichtshälfte bedeckt. Und immer mehr bizarre, groteske Gestalten kommen herangeschlurft, gekrochen, gehumpelt. Ineinander verkrallt, sich umschlingend, wälzt es sich heran. Da sind Arme und Beine, aber auch Klauen und Pranken, mißförmige Köpfe mit Nasen, Ohren und Augen, deren Entstellungen wie Inkarnationen eines Fiebertraums anmuten. Marigg schwindelt es, und er fühlt, wie sein Körper in tödlicher Kälte erstarrt. Und als er den Mund des zweiten Wesens ansieht, da packt ihn ein wahnsinniger Lachkrampf, denn was dort zwischen den wulstigen Lippen schimmert, das sieht tatsächlich aus wie eine Mundharmonika, und die Töne kommen ganz gewiß dorther! Seine Augen irren hin und her. Das ist nicht wahr! brüllt es in ihm. Das muß an dem verfluchten Elixier liegen! Es verzerrt das Wahrnehmungsvermögen! So muß es sein! Das alles ist einfach nicht wahr! Sie nennen mich Klugwarm, hört er den mißgestalten Riesen, und sie wollten alle mitkommen. Wie soll ich dich nennen? "Marigg", krächzt er, kaum noch Herr seiner Sinne. "Ich heiße Marigg." Diesen Namen kann ich nicht tasten, tönt Klugwarms Stimme in ihm. In deiner Kaltkraft sind viele Namen und Dinge, die ich nicht tasten kann - darf ich dich Vielklug nennen? Mariggs Knie geben endgültig nach. Er rutscht an den Gitterstäben entlang nach unten und starrt auf das fremde Wesen. "Gut, gut", keucht er, am Rande des Zusammenbruchs, "gut - nenne mich Vielklug…" Das Ding auf der einzigen Schulter des Wesens, das sich Klugwarm nennt, zuckt auf und läßt ein schrilles Kichern hören. Marigg nimmt mit dumpfer Apathie wahr, daß dieses spindeldürre Etwas irgendwie einemÄffchen ähnelt, dessen Kopf nicht größer ist als eine Kinderfaust. Dann zwingt er sich mit einer letzten Willensanstrengung, noch einmal in das Gesicht des Wesens Klugwarm zu schauen. Das ist das Elixier! stöhnt er innerlich auf, als er in klare, helle und schöne Augen blickt. Es ist das Elixier! Der Blick dieser Augen hüllt ihn in Wärme und Geborgenheit. Es sind die Augen Skamanders…   Copyworld  In einer langgezogenen Reihe marschieren sie durch die Kalte Wüste. Schweigend, in die Schatten der hohen Sicheldünen geduckt. Die Fahrzeuge haben sie schon vor Stunden abgestellt und unter sandgrauen Planen versteckt. Alle tragen Waffen, auch die Frauen. Hyazinths Handflächen sind feucht vor Aufregung. Immer wieder greift er nach dem kühlen Schaft der Schwereschleuder, tastet über die rauhe Oberfläche des Griffstücks und kontrolliert die Stellung des Sicherungshebels. Seit er das erste Mal mit dieser Waffe geschossen hat, erfüllt ihn fast abergläubische Ehrfurcht vor der Macht des Apparates. Die Kalte Wüste liegt vor ihnen wie ein sturmgepeitschtes Meer, das durch einen geheimnisvollen Zauber mitten in der Bewegung erstarrt ist. Der Sand knirscht unter den Füßen, und in seinem Kopf ist ein feines nervtötendes Zirpen. Hyazinth kennt dieses eigenartige, unheimliche Singen. Sein Gehirn täuscht ihm mit diesen Geräuschen vor, er könne die unsichtbare, unhörbare, unmeßbare Gefahr doch irgendwie wahrnehmen. Es ist das Vibrieren der Angst in seinen Nervenbahnen. Hyazinth knirscht machtlos mit den Zähnen. Aber das gespenstische Zirpen bleibt. Einige Schritte hinter ihm läuft Tauphi. In regelmäßigen Abständen dreht er sich um, gibt sich den Anschein, die umliegenden Dünen zu mustern, um rechtzeitig drohende Gefahr zu erkennen. Jedesmal huscht sein Blick wie zufällig über ihr Gesicht, aber nur einmal konnte er gerade noch sehen, wie sie blitzschnell die Augen niederschlug. Sie weicht ihm hartnäckig aus, aber irgendwie ist die Distanz zwischen ihnen immer geringer geworden. Vor zwei, drei Wochen noch wäre sie nie so dicht hinter ihm gelaufen. Tauphi trägt eines der Geräte auf dem Rücken, mit deren Hilfe sie Kontakt zu den  Omegaschläfern herstellen wollen. In Hyazinths Tornister befindet sich eine jener rätselhaften Energiequellen, aus denen die Gravitationswaffen gespeist werden. Sie sind insgesamt zweiunddreißig Kämpfer, die durch die Schatten der Wüstennacht schleichen. Weit voraus läuft die von Rhomega angeführte Dreiergruppe der Aufklärer. Als vor einer halben Stunde Wind aufkam, hörte Hyazinth wieder dieses schauerliche Klagegeheul und grinste verkrampft bei der Erinnerung an seine erste Begegnung mit dem Weinenden Gott. Zwar war es keineswegs eine üble Schmierenkomödie, was Rhomega ihm vorgespielt hatte, sondern eher ein düsteres Gleichnis vom nahenden Ende der Menschenwelt - aber dessen ungeachtet war es nur ein Spiel gewesen. Die furchtbare Begleitmusik fand eine simple Erklärung. Tremakut hat es ihm im Labor vorgeführt: Sobald der Wind über die Sanddünen hinwegfegt, beginnen die Myriaden von lockeren Sandkörnern zu klingen, weil sich auf der Oberfläche der Quarzkristalle elektrische Spannungen bilden. Diese Erscheinung tritt nur bei bestimmten kristallinen Konfigurationen auf, und deshalb ist sie nur in wenigen Gebieten der Erde anzutreffen. Na und? hatte Rhomega geantwortet, als er ihn zur Rede stellen wollte. Gottes Stimme äußert sich eben in solchen ungewöhnlichen physikalischen Prozessen, oder hast du etwa geglaubt, da stünde irgendwo ein weißbärtige Alter auf einer Sanddüne? Ein leises Zischen von der Spitze der Marschkolonne. Sofort ducken sich alle in den Schatten einer Sicheldüne, verharren reglos. Hyazinth läßt sich der Länge nach fallen und drückt das Gesicht in den Sand. Erst nach Sekunden wagt er es, ein wenig den Kopf zu heben. Die Männer mit den Feldabweisern hantieren lautlos an den Apparaten, huschen schemenhaft wie Geister hin und her. Vom Horizont nähert sich dumpfes Brausen, und gegen das kaum wahrnehmbare Dämmerlicht der Wolken zeichnen sich dunkle Punkte ab, werden rasch größer. In wenigen hundert Metern Entfernung fliegen seltsame Airspider vorbei, wie Hyazinth sie nie zuvor gesehen hat. Viel größer als die gewohnten Verkehrsmittel, merkwürdig gerippt und mit Auswüchsen, die wie mit dicken Spiralen ummantelte Röhren aussehen. Es sind sieben oder acht. In einem sanften Bogen verschwinden sie hinter den Bergen. Als Hyazinth sich erheben will, faucht Tauphi hinter ihm leise: "Bleib unten! Sie können Spürbojen abgesetzt haben!" Er geht sofort wieder in die Hocke, um das Abweiserfeld nicht zu durchstoßen, das die Bioemissionen der Kämpfer abschirmt. Erst wenn die Männer an den Feldabweisern mit der Suchkomponente des Schutzfeldes die Umgebung abgetastet haben, geht es weiter. Daran hätte er denken müssen Auf einmal sind drei dumpfe Explosionen zu hören. Hinter dem Horizont springt Lichtschein auf. Grellweiß erst, dann in schmutziges Rot wechselnd, das sekundenlang in den Wolken flackert. Der Mann vor ihm dreht sich um und flüstert: "Scheiße! Das waren die Transporter! Sie haben sie geortet." "Und wie kommen wir jetzt nach Szingold zurück?" "Vielleicht gar nicht!" Der Mann hat ein feines Zittern in der Stimme und murmelt kaum hörbar weiter: "Denn jetzt wissen sie, daß wir hier sind…" Von vorne ertönen halblaute Befehle, die sogleich weitergeraunt werden. "Alles zu Tremakut… aber unten bleiben, immer unter dem Abweiserfeld… die Abweiser rücken vorsichtig nach…" Die Kämpfer sammeln sich um den Mann, den Hyazinth als begnadeten Sitharsolisten kennengelernt hatte, ohne damals ahnen zu können, daß Musikalität die geringste der vielen Gaben dieses Menschen ist. "Sie werden jetzt systematisch die Wüste durchkämmen", flüstert Tremakut. Er trägt wie alle anderen einen sandgrauen Overall mit enganliegender Kapuze, aus der an der Halsmanschette graues Haar quillt. In seinem faltigen, wettergegerbten Gesicht zucken nervös die Mundwinkel. "Wir sind dicht vor unserem Ziel. Die letzten Kilometer werden wir im Eilmarsch unter Felddeckung zurücklegen. Ich verlange absolute Disziplin!" Die kleine Abteilung formiert sich zu Dreierreihen, damit eine günstige Feldgeometrie ermöglicht wird. Dann laufen sie los. Hyazinth starrt ins Dunkel voraus, wo bald die hohen Bunkersilos der Festung Van Zyl auftauchen müssen. Erst hatte er nicht glauben wollen, daß es so etwas wie diese Festung gäbe. Überhaupt wollte er anfangs vieles nicht glauben, was ihm im Stab der antisteinistischen Revisionsfront erzählt und schließlich anhand unwiderlegbarer Beweise klargemacht wurde. Als er aber begriff, was sie von ihm wollten, gab es eine heftige Auseinandersetzung. Denn er verlangte, Van Zyl mit eigenen Augen sehen zu dürfen. Sie wollten ihn nicht mitnehmen, weil sein Leben zu kostbar sei, um in solch einer Routineaktion aufs Spiel gesetzt zu werden. Aber er hatte darauf bestanden, seine Mitarbeit von der Entscheidung abhängig gemacht. Sie mußten zähneknirschend nachgeben. Rhomega hatte geflucht wie ein Ochsentreiber und Tremakuts Mund war vor Zorn zu einem schmalen Strich zusammengekniffen. Wenn alles stimmt, was sie ihm eröffneten, dann ist er sein Leben lang gräßlich betrogen worden - dann aber müssen sie auch verstehen, daß er nur noch seinen eigenen Sinnen traut. Er muß Van Zyl sehen. Und außerdem in Tauphis Nähe sein. Sie hasten vorwärts. Jetzt geht es um alles. Wenn die Airspider der Protektorgarde ihre Fahrzeuge entdeckt haben, bleibt nur noch wenig Zeit, sich unentdeckt der Festung zu nähern. Durch den weichen Wüstensand zu laufen kostet viel Kraft. Der Sand saugt die Energie aus jedem einzelnen Schritt, sie versickert in ihm wie Wasser. Aber Hyazinth besteht nur noch aus Energie, seit er Choreut Desmins Tanzhölle durchwandert hat. Aus physischer wie geistiger gleichermaßen. Soviel kann der Sand gar nicht verschlingen, wie in dem scheinbar ausgemergelten, aber geradezu stählern-sehnigen Körper steckt. Seine Finger krampfen sich um den Kolben der Schwereschleuder. Das erste Mal in seinem Leben trägt er eine Waffe. Als Tremakut und Rhomega ihn durch die unterirdischen Bunker und Tunnelsysteme führten, die wie ein weiter Ring Szingold umgeben, wußte er sich vor Überraschung kaum zu fassen. Unter beinahe jeder Sanddüne mußte sich ein gepanzerter Unterstand befinden, im Umkreis von vielen Kilometern war der Wüstenboden wie ein Schwamm von Gängen und Hohlräumen durchzogen. Überall Waffen: Strahlengeschütze, die Plasmaströme und Partikelimpulse ebenso verschießen können wie hochenergetische Photonen des gesamten Spektrums; Schwertransuraniumwaffen, die Projektile mit winzigen Kernladungen verschießen; alle nur denkbaren Feldgeneratoren und Gravitationswaffen. Hyazinth glaubte Tremakuts Worten, die Weltensteiner seien der Revisionsfront technisch weit unterlegen und hätten immer wieder versucht, Spione einzuschleusen, um herauszufinden, woran die Forschungsinstitute in Szingold arbeiteten. Vom Verteidigungsgürtel hätten sie keine Ahnung, selbst in Szingold wüßten nur sehr wenige der Bürger, die nicht unmittelbar im militärischen Bereich der Revisionsfront arbeiten, von seiner Existenz. Die wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen hatten es Hyazinth angetan. Zwar gibt es auch in Weltenstein eine Akademie der Naturwissenschaften, aber diese befaßt sich ausschließlich mit Entwicklungsarbeiten für das Projekt Copyworld. Hier in Szingold wird an allem herumgeforscht, was sich nur irgendwie erforschen läßt. Die alte Universitätsstadt ist längst aus der Agonie erwacht, deren Zuckungen die Welt erschütterten. Die meisten Leute hier arbeiten freiwillig viele Stunden über den Feierabend hinaus, oder sie sind in zwei Berufen tätig - einfach, weil es ihnen Spaß macht. Unfaßbar. Hyazinth lief mit glänzenden Augen durch die Labors, verstand kaum die Hälfte von Tremakuts Erklärungen, begriff nur, daß der Sitharspieler offenbar Leiter einer ganzen Institutsgruppe sein muß und daß die Leute hier trotz ihrer bescheideneren materiellen Ansprüche irgendwie glücklicher, ruhiger, ausgeglichener und vor allem unvergleichlich kreativer sind, als die Märtyrer Weltensteins. Als sie ihm Szingolds wahres Gesicht zeigten, wußte er noch nichts von der antisteinistischen Revisionsfront. Die Begegnung mit dem Besinnler fand später statt. So hatte er genug Zeit, sich selber eine Meinung zu bilden, was nicht ohne Konflikte und Widersprüche vonstatten ging. Aber von diesen erzählte er dem EXA-Kurier Coromandel Mazarin nichts. Auch als die Frau mit dem Chrysoberyll auf der Stirn ihn lobte, weil er Kontakt zu interessanten Leuten aufgenommen hätte, schwieg er. Nur als sie ihm den neuesten Klatsch aus Weltenstein offenbarte, verlor er kurz die Beherrschung und kicherte schadenfroh bei ihrer Schilderung von Berylls Unfall in einer Perzeptorzelle: Er hatte sich wie in einem Anfall von völligem Wahnsinn beinahe selbst erdrosselt - nur mit Mühe gelang es den Helfern, seine um den Hals gekrampften Hände zu lösen. Und allen blieb schleierhaft, wie sich die von Copyworld kontrollierten Arretierungsmanschetten von seinen Armen hatten lösen können... Einige Tage rang Hyazinth mit sich, dann ging er zu Tremakut und erzählte von den regelmäßigen Treffen mit dem Kurier. In die unzähligen Falten von Tremakuts Gesicht stahl sich ein feines Lächeln. "Es ist gut, daß du erst jetzt kommst", sagte er. "Hättest du dich Rhomega oder mir früher anvertraut, wäre mir diese Entscheidung zu schnell gefallen…" Dann erklärte er dem verdutzt lauschenden Hyazinth, daß seine konspirativen Treffen zuverlässig überwacht würden und ihnen jedes Wort bekannt sei, das er mit Coromandel Mazarin gewechselt habe. Hyazinth reagierte darauf sehr heftig. "Alles wie in Weltenstein!" hat er zornig geschrien. Ganz egal, welche Idee dahinter stünde, es sei immer wieder dasselbe - die Mächtigen tun und lassen wie ihnen beliebt, während das Volk in ein Korsett aus strengen Regeln und Gesetzen gepreßt und vierundzwanzig Stunden am Tag bespitzelt wird. Dann schwieg er plötzlich und hüstelte verlegen: Ihm war das Ketzerische seiner Gedanken bewußt geworden. "Hier ist der Mächtige das Volk, auch wenn das den Herren in Weltenstein nicht in den Kram paßt!" Tremakuts Antwort war in scharfem Ton gehalten, und er lächelte nicht mehr. "Und daß wir uns vor allen Versuchen, unsere physische Existenz auszulöschen, schützen, kann doch nur einem Mann von geradezu überwältigender Einfalt als Unrecht erscheinen!" "Ich will euch doch nicht vernichten!" Hyazinth war sprachlos. "Hast du denn immer noch nicht begriffen, warum Korund Stein und seine Bande -" Hyazinth zuckte innerlich zusammen als Tremakut das sagte "- uns unbedingt in die angebliche Digitalisierung zwingen wollen?" "Von Zwang kann doch gar keine Rede sein." Der Einwand kam ihm nur zögerlich über die Lippen. Immerhin hatte der Erste  Exarch ihm gegenüber selbst zugegeben, daß die Szingolder sich nicht freiwillig digitalisieren lassen wollten. "Du hast wirklich keine Ahnung", stellte Tremakut nachdenklich fest. "Sie trauen also nicht mal ihren besten Nachwuchskadern… Na gut, du wirst die Wahrheit früh genug erfahren… Erst sieh dir Szingold an. Vielleicht kommst du von selbst drauf." Alles hat er bis heute nicht verstanden. Aber wenn er zwei und zwei zusammenzählt, kommt folgendes heraus: Ganz offenbar existiert in Weltenstein eine Verschwörung, von der Tremakut ebensowenig weiß wie der Erste  Exarch. Diese Verschwörer beabsichtigen, Copyworld  und die Digitalisierung für irgendwelche dunklen Absichten zu mißbrauchen. In Szingold identifiziert man das Wirken dieses gemeinsamen Gegners mit der Lehre von der Großen Umkehr und der Exarchie der DTEA. Aber davon wollte Tremakut nichts hören. Nur Rhomega hatte die Stirn gerunzelt und zugegeben, der Gedanke sei durchaus nicht aus der Luft gegriffen, aber eigentlich von untergeordneter Bedeutung, da der Revisionsfront konkrete Feinde gegenüberständen, nicht irgendwelche Theorien. Hyazinth ist fest entschlossen, die Sache aufzuklären. Und den Leuten um Tremakut scheint sehr viel daran zu liegen, ihn auf ihrer Seite zu wissen. Das spricht so deutlich aus ihren Bemühungen um ihn, daß Hyazinth sich schon mehrmals die Frage stellte, ob wirklich nur sein Ruf als Sigmastar der Grund sei. Fortwährend macht Tremakut unverständliche Andeutungen wie: Daß gerade Hyazinth nach Szingold geschickt worden sei, wäre ein glücklicher Zufall… es muß Korund Stein große Überwindung gekostet haben… das zeige aber auch, wie wichtig Szingold ihm sei… und so weiter. Hyazinth wird daraus nicht schlau. Das ist wieder wie in Weltenstein, wo auch jeder so tat, als wisse er von irgendeinem schrecklichen Geheimnis, in das Hyazinth verstrickt ist. "Volle Deckung!" Ein kurzer Ruf von der Spitze der Marschkolonne reißt ihn aus der Grübelei. "Absolute Nullemission...!!!" Er läßt sich sofort fallen. Seine Reflexe sind gut, auch dank seiner Ausbildung als Tänzer. Aber wirklich geformt wurden sie erst in den unterirdischen Kasernen der Revisionsfront. Absolute Nullemission - das heißt: nicht bewegen, nicht atmen, nicht denken. Damit die Sensoren von Spürbojen oder mobilen Einheiten nicht das geringste Signal wahrnehmen können. Kaum liegt er im kalten Wüstensand, hört er schon das anschwellende Brausen. Ein einzelner Kampfspider donnert über ihre Köpfe hinweg. gerade will er aufatmen, da ertönt der nächste Befehl: "Schwereschleudern: Ziel erfassen!" Automatisch drückt er sich in die Hocke, setzt einen Fuß nach vorn und läßt sich auf das andere Knie nieder. Synchron zu diesem Bewegungsablauf hebt er das Rohr seiner Waffe auf die rechte Schulter und preßt das Gesicht gegen die Okularmaske. Da kommt er! Der Kampfspider ist kurz nach dem Überflug in einer steilen Kurve nach oben gestiegen. Irgendetwas müssen seine Sensoren trotz des Abweiserfeldes geortet haben. Hyazinths Bewegungen sind ganz ruhig. Das alles hat er im Simulator hundert Mal geübt. Aber das nervtötende Singen und Zirpen unter seiner Schädeldecke schwillt zu einem schmerzenden Inferno. Er weiß, daß insgesamt acht Schwereschleudern ihre Fokusfelder auf den Flugkörper richten. Und wenn nur einer trifft, reicht das völlig aus. Aber diese Gewißheit kann nicht die kreischende Säge zum Schweigen bringen, die sich durch seine Nervenbahnen frißt. Im Blickfeld der Visiereinrichtung erscheint der Nachthimmel strahlend hell, und Hyazinth erkennt hinter der Kanzelverglasung des Kampfspiders einen behelmten Kopf. Dann sieht er, wie die von Spiralen ummantelten Röhren in seine Richtung schwenken. Alles geht blitzschnell, aber trotzdem hat er das Gefühl, die Zeit dehne sich plötzlich unendlich in die Länge. Er sieht genau die Bewegungen des Helmes in der Kanzel, glaubt fast zu verstehen, wie der pseudoorganische Pilot mit einem schnellen Blick über die Displays seiner Waffensysteme huscht. Kurz bevor aus den Rohrmündungen der Spiderbewaffnung gleißende Helligkeit bricht, drückt Hyazinth auf den Auslöser seiner Schwereschleuder. Zwei winzige Materiepartikeln jagen innerhalb des Fokusfeldes auf das Ziel zu. Beide besitzen nur eine Masse von wenigen Gramm, ihre räumlichen Ausdehnungen aber sind geringer als die eines Atomkerns, ihre Dichte ist fast so unvorstellbar hoch wie die der kosmischen Materie in der Singularität. Unmittelbar vor Erreichen des Ziels prallen diese beiden superdichten Teilchen aufeinander und verschmelzen dank ihrer überkritischen Masse zu einem Primordialen Schwarzen Loch von submikroskopischen Ausmaßen, dessen Lebensdauer nur in Millisekunden gemessen werden kann, weil es sogleich unter Freisetzung eines Stroms von Elementarteilchen aus dem virtuellen Phasenraum verdampft. Der Effekt ist verheerend. Der Kampfspider explodiert nicht in einem Feuerball, er verschwindet einfach. Sein Fall in die Singularität ist eher wie eine Implosion: Ein Strudel aus Sand und Staub erhebt sich und stürzt ins Nichts, dann zucken die aus der Virtualität geschleuderten Elementarteilchen als greller Blitz durch die Nacht, von schmetterndem Donner begleitet. Wie eine weißliche Blase dehnt sich der Raum und zerplatzt erneut zu nichts. Dem Piloten des Flugkörpers war es jedoch noch gelungen, zwei Plasmaladungen abzufeuern, die als lohende Feuerstrahlen auf die Gruppe hinunter rasten. Die Druckwelle trifft Hyazinth mit voller Wucht in den Rücken, er wird wie von einer Meereswoge empor gehoben und nach vorn geschleudert. Er prallt auf den Boden und spürt einen furchtbaren Hieb auf den Hinterkopf. Obgleich er vor Schmerz die Augen schließt, sieht er farbige Lichter flackern und durcheinanderwirbeln. Stöhnend erhebt er sich. Einige dutzend Meter hinter dem Ende der Marschkolonne glühen dunkelrot zwei Trichter aus glasiger Schmelze im Wüstenboden. Hyazinth streift die Tornisterriemen von den Schultern und stolpert zu Tauphi, die verkrümmt im Sand liegt. Wenige Schritte neben ihr erkennt er einen abgerissenen Arm. Die Hand umklammert immer noch ein Lasergewehr. Etwas weiter sieht er den Rumpf eines Menschen. der Bauch ist aufgerissen, und etwas grünliches quillt in fettigen Schlingen langsam hervor. Ein seltsamer Geruch liegt in der Luft: warm, säuerlich und ein wenig nach Fäkalien. Hyazinth fällt auf die Knie, und ihm ist, als zerre ihm eine grobe Faust den Magen heraus, als er sich übergibt. Mit letzter Kraft kriecht er zu Tauphi. Die Wunde am Hinterkopf, wo ihn der Tornister mit der Energiequelle traf, brennt höllisch, aber er empfindet den Schmerz, als sei er etwas Gewohntes, Selbstverständliches. Das war es also, denkt er. Das war dein kurzes Leben. gleich wird eine ganze Armada von Kampfspidern über uns herfallen, und dann wird uns auch unsere überlegene Bewaffnung nicht helfen. Ich bin ein Idiot! Wieso habe ich mich auf diesen Wahnsinn eingelassen? Zu spät. Jetzt ist alles aus. Wenigstens Tauphi noch einmal sehen, ihr kindliches Gesicht mit der fast durchsichtigen Haut, wenigstens einmal ihre Wangen streicheln. Er beugt sich über sie und dreht sie, ächzend vor Schmerz, auf den Rücken. Ihr Mund ist halb geöffnet. Hyazinth treten Tränen in die Augen. "Tauphi!" Er schüttelt sie sacht, dabei wackelt ihr Kopf hin und her als hinge er nur noch an einem dünnen Faden. Erschreckt tastet Hyazinth nach ihren Halswirbeln. Dicht hinter ihrem linken Ohr fühlt er eine angeschwollene feuchte Stelle. Er nimmt ihren Kopf in beide Arme und preßt ihn gegen seine Brust. "Tauphi!" Das erste Mal in seinem Leben spürt er eine Art Leere in sich, die den Gedanken an den eigenen Tod von jeglicher Furcht befreit, sich unmerklich aber stetig in Willen wandelt. Hyazinth weint.
Erstellt mit MAGIX Morgen ist heute gestern - aus “Planet der Windharfen” Erst als die Nachtkälte der Wüste seinen Körper zu versteinern droht, erhebt sich Asper müde und zerschlagen, um in die muffige Enge des Raumschiffwracks hinabzusteigen. Mit einem letzten, unsagbar verzweifelten Blick versenkt er sich in das Funkeln des Sirius, der wie ein höhnisch glotzendes Riesenauge auf ihn herabschaut. Unendlich weit hinter diesem kalten Leuchten ertrinken die Strahlen der heimatlichen Sonne im tintigen Blau des Alls. Asper friert, am Horizont strahlen die Astrolithen in die Nacht - ein Mosaik aus Hoffnung und Liebe, eine Brücke aus leuchtenden Steinen, die einen unvorstellbaren Abgrund überspannen soll... Auch der folgende Morgen empfängt Asper mit einem frischen Windhauch, zerrissenen Staubfahnen, die wie betrunken über die Wüste torkeln, und einem wolkenlosen Himmel, dessen Fremdartigkeit in den frühen Stunden des Tages besonders niederdrückt. Der Wasserkanister scheuert auf den Schultern, obwohl sich dort bereits hornige Schwielen gebildet haben. Bambu springt vor ihm den Weg zu den Käsepflanzen entlang, bei jedem Satz spannt sich die schillernde Haut auf den Knochen so straff, daß sie sich an den Gelenken wächsern verfärbt. Aspers erster Reflex ist, sich fallenzulassen und die Ohren zuzuhalten, als er das hohe Singen und Zirpen vernimmt. Verdammt, wieder ein Psychodrache, durchzuckt es ihn eisig, diese Scheusale sind überall! Aber warum hat Bambu ihn diesmal nicht gewarnt? Erst allmählich wird Asper bewußt, daß die stechenden Schmerzen im Hinterkopf ausgeblieben sind, nun nimmt er auch den deutlichen Unterschied zwischen dem Schwirren und Surren, mit dem sich der Angriff eines Psychodrachens ankündigt, und dem feinen Singen wahr, das, wie aus seidigen Nebeln gewirkt, in der Luft schwebt. "Bambu, hierher!" befiehlt er schroff. Aufmerksam beobachtet er die Natur um sich herum. Die Fächerfallen stehen steif und reglos und lauern zusammengefaltet auf Beute, aus den violetten Gallerttrauben klingt der Balzschrei eines, Warzenskeletts, und aus der Ferne tönt der Bronzeklang der Bewimperten Schlingglocke. Nur eines ist heute anders: Seit den frühen Morgenstunden weht eine mäßige Brise. Ist es der Wind, der diese Töne hervorruft? Asper schüttelt verwundert den Kopf und geht vorsichtig weiter. Tief saugt er die Luft ein wie ein witterndes Tier, und seinem Gehör entgeht nicht einmal das leise Knistern, mit dem die gezackten Hautlappen zwischen dem Gespinst der Strahligen Glaskorallen dem Lauf der fernen Sonne Tul folgen, um das bißchen Wärme zu speichern, das sie dem Planeten gönnt. Plötzlich flaut der Wind ab - und das Zirpen und Singen verstummt. "Also doch! Der Wind - da haben wir uns aber einen gehörigen Schreck einjagen lassen, was, Bambu?" Asper atmet erleichtert auf. Unter seinen Füßen zerplatzen die im Sand wachsenden Trauben der Gelben Schleimkugeln mit dumpfem Platschen. Obwohl er jeden Tag denselben Weg nimmt, schließt die schnellwüchsige Vegetation des Planeten die Wunden rasch wieder, und Asper erkennt den Pfad nur an den leuchtenden Farben der jungen Triebe, die unter den Streichen seiner Machete fallen. Einzig die Käsepflanzen machen eine Ausnahme. Diesmal erkennt Asper schon von weitem: Auch das zweite Gewächs ist eingegangen, zu einem trockenen Schwamm versteinert. Kein Grund für Asper, zimperlich zu sein. Er holt mit dem Haumesser aus, um auch aus der dritten Pflanze einen großen Klumpen Fleisch herauszuschlagen. Bambu hockt ihm vor den Füßen und schmatzt ungeduldig mit dem Trichterrüssel. Gerade will Asper zuschlagen, da fegt eine Windbö heran. Auf einmal hüllen hohes Zirpen und Klagen Asper ein. Fremdartige Melodien umschwirren ihn wie tausend Kolibris, wehmütige Stimmen dringen in ihn, und ein Gefühl tiefster Traurigkeit befällt ihn. Verwirrt hält Asper inne. Die Pflanze vor ihm erzeugt diese Klänge! Er läßt den Arm mit der Machete sinken und lauscht voller Bewunderung. Ein ziehender Schmerz sticht in sein Herz, eine Empfindung aus Todesangst, Sehnsucht und heißer Liebe überschwemmt seine Gedanken. Glasklar steigt ein Bild aus seinem Gedächtnis auf. Als er das letztemal von Bord der Omikron mit Mona sprach, stand sie vor einem öffentlichen Videophon, und hinter ihr erkannte er auf dem Bildschirm das selbstgefällige Grinsen Rhominths. Borg warf achtlos hin, um Mona brauche er sich nicht zu sorgen, sie befände sich in guten Händen, worauf Fratt mit einem meckernden Lachen antwortete... Die Vision verschwimmt. Kalter Zorn übermannt ihn, und Asper knirscht mit den Zähnen. Er wird Rhominth zerfleischen, zerstampfen, zerfetzen... Als der Wind nachläßt, versickert auch der Sturzbach der Gefühle. Und als das Gewächs schweigt, ist alles vorbei. "Biest!" flucht Asper, holt erneut aus - und zögert wieder. War es denn wirklich die Pflanze, die ihm die quälenden Erinnerungen suggerierte? Er läßt sich seufzend zu Boden gleiten und lehnt sich mit dem Rücken gegen das Gewächs. Unwirsch wehrt er Bambu ab, der mit dem Rüssel auffordernd gegen die Hand stubst, die fest den Griff des Messers umklammert. Deutlich konnte er sehen, wie die Saiten in den Röhren der Pflanze vibrierten und schwangen, als der Windstoß durch sie hindurchpfiff, und trotz der betäubenden Klänge nahm er wahr, wie sich einige Fäden zusammenzogen und dehnten. \ Eine Weile bleibt Asper noch sitzen. Er wartet auf eine weitere Bö. Aber nach fast einer Stunde gibt er es auf. Mit einem schnellen Griff packt er den verärgert quarrenden Bambu und schiebt ihn auf seinen Oberarm. "Frühstück fällt heute aus, Kleiner." Angestrengt grübelnd macht er sich auf den Weg zur Quelle. Irgendwie fühlt er sich befreit und erfrischt. So schmerzhaft ihn auch die unliebsamen Erinnerungen peinigten, Gedanken, die Asper bisher erfolgreich verdrängen konnte - die fremdartige Musik der Pflanze hat etwas in ihm angerührt, das angenehm und melancholisch in seinem Kopf nachklingt. Wußte die Pflanze, daß er sie töten wollte? Eine richtige Windharfe, denkt Asper, ja, das ist ein schöner Name: Windharfe.   Im Glanz der Sonne Zaurak   Das Gebüsch wird unmerklich spärlicher und durchlässiger. Es scheint, als wichen die Pflanzen vor ihm zurück, als hätten sie es aufgegeben, seinen rasenden Lauf zu hemmen. Da steht er plötzlich auf einer ausgedehnten Lichtung. Schon von weitem ist das schrille Pfeifen der Ariels zu hören. Wie eine Sturmbö fegt ein Schwarm über ihn hinweg, steigt steil in die Wolken hinauf und pfeift zeternd und verschreckt. Wie ein Hilferuf klingt es, wie das verzweifelte Schreien wehrloser Wesen, die vor einem blutgierigen Feind fliehen! Aber darauf achtet Leander nicht. Etwas anderes fesselt seine Aufmerksamkeit. Mitten auf der Lichtung steht ein merkwürdiges Fluggerät. Eins, wie er es noch nie gesehen hat! Ein Katamaran! Ein Doppelrumpfgleiter! Zwei schlanke spindelförmige Körper, durch ein nach oben gewölbtes Deck miteinander verbunden! Und die knollige Verdickung auf diesem Deck - das muß die Kanzel sein! Gebannt tritt Leander an den Katamaran heran und streicht über die dunkelviolett schimmernde Außenhaut. Er hat das Gefühl, als drückten seine Finger in eine unsichtbare Schaumgummischicht. Einen halben Zentimeter über der Oberfläche des Flugkörpers wird der Widerstand so stark, daß es ihm nicht gelingt, diese merkwürdige Kraft zu überwinden. Dunkel beginnt er zu ahnen, daß dieser Gleiter nicht von Menschenhand erschaffen wurde. Das Material der Kanzel ist stumpf und undurchsichtig wie die Mattscheibe eines Bildschirms. Anfangs kam ihm der verrückte Gedanke, er könnte in einem todesähnlichen Schlaf Jahrzehnte oder noch länger auf dem Planeten zugebracht haben, und dies sei ein hypermoderner irdischer Gleiter. Ein Fluggerät aus einer Generation, die er noch nicht kennt. Aber an diesem Katamaran ist nichts Irdisches. Keine Positionslampen, keine Beschriftung, nicht einmal irgendein Emblem, ein Adler oder eine Taube oder wie bei den Pharao-Gleitern eine Sphinx. Das ist keine irdische Konstruktion! Leanders Gedanken überschlagen sich. Sollte es ausgerechnet ihm beschieden sein, als erster Mensch anderen vernunftbegabten Wesen von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen, die Erfüllung eines jahrhundertealten Menschheitstraumes zu erleben? Mit dieser Möglichkeit hat er sich noch nicht ernsthaft beschäftigt. Unter Raumfahrern gehört es nicht zum guten Ton, sich solchen Spekulationen hinzugeben, denn von Generation zu Generation verdichtete sich die Gewißheit, daß die Menschen innerhalb ihrer Galaxis die einzigen mit hochentwickelter Vernunft ausgerüsteten Wesen sind. Und das Erreichen anderer Galaxien ist so gut wie unmöglich… Undeutlich blitzt die Erinnerung an einen seltsamen Traum in Leanders Gedanken auf: Ein irrsinniger Flug mitten in den Andromedanebel hinein… Das muß erst vor kurzem gewesen sein. Ein flackerndes Leuchten erhellt sekundenlang die Lichtung. Gleichzeitig hört Leander ein ihm wohlbekanntes, giftiges Fauchen. Mit schnellen Schritten läuft Leander um den Katamaran herum. Dort steht er. Funkelnd, strahlend, schillernd. In der rechten Faust einen Werfer, der verteufelt den veralteten Skorpionwerfern ähnelt. Kaltblütig schießt er in die aufwirbelnden Wolken aufgeschreckter Ariels hinein und zielt ebenso unberührt auf die in panischer Angst umhertrippelnden Jungtiere. Der schillernde Skaphander wirkt wie aus einem grobfaserigen, silbrig funkelnden Gewebe hergestellt - einem Geflecht aus zentimeterstarken, blitzenden Chromdrähten. Gleich erkennt Leander die Täuschung. In Wirklichkeit besteht die Haut des Skaphanders aus konkaven Waben, die das grüne Licht der Sonne Zaurak wie Parabolspiegel reflektieren. Matt und undurchsichtig schimmernd, sitzt ein elliptisch geformter, purpurfarbener Helm auf den Schultern. Ein Mensch! Ein Mensch mit Kopf, Armen und Beinen! Etwas gedrungen und mit sehr schmalen Schultern, aber zweifellos ein humanoides Wesen! Der Fremde hat Leander noch nicht bemerkt. Das Schauspiel, das sich ihm bietet, ernüchtert Leander. Verstört sieht er zu, wie der Strahl aus der Waffe des Außerirdischen gnadenlos zwischen die Ariels fährt, sie zerreißt, zerfetzt, verbrennt wie zusammengeknäultes Papier. Durch den Atemfilter dringt ein ekelerregender, beißender Gestank nach verbranntem Fleisch. Die Bewegungen des Fremden haben etwas Zielloses, Unentschlossenes. Als täte er etwas, von dessen Sinn und Erfolg er nicht recht überzeugt ist. Da fällt Leanders Blick auf die herabhängende linke Hand des Humanoiden. Es ist nur eine geringfügige Kleinigkeit. Und doch rieseln Leander in diesem Augenblick kalte Schauer über den Rücken. Es ist etwas, was den Eindruck des vertrauten und gewohnten Anblicks einer menschlichen Gestalt zerstört. Der Handschuh des Skaphanders hat vier Finger. Einen Daumen, zwei dünne, zierliche Finger und dazwischen ein dickes, daumenähnliches Greiforgan… Als keine lebenden Ariels mehr auf dem Boden sitzen, schießt der Fremde ziellos in die dichten Trauben der über ihm flatternden Tiere. Dann läßt er den Werfer sinken und dreht sich um. Hinter dem undurchsichtigen Material des Helms ist das Gesicht nicht zu sehen. Vielleicht ist es ganz gut so, daß er seine Züge hinter der stumpfen Anonymität der purpurnen Hülle versteckt. Kalter Schweiß tritt auf Leanders Stirn. Er sieht den Blick nicht, der auf ihn gerichtet ist, aber er ahnt ihn. Doch es kommt ganz anders. Erst erstarrt der Fremde, dann taumelt er zwei, drei Schritte zurück. Abwehrend und drohend zugleich hebt er den Werfer. Leander könnte schwören, daß es ein Skorpionwerfer ist. Seltsamerweise hat er keine Angst, irgend etwas in der Haltung des Humanoiden sagt ihm, daß diese Gebärde kein Zeichen von Feindschaft ist. Fast scheint es, daß er, der Außerirdische, sich fürchtet! In diesem Augenblick gewinnt Leander seine alte Kaltblütigkeit zurück. Er dreht die Handflächen nach außen zum Zeichen der Friedfertigkeit und geht langsam auf den Fremden zu. Der weicht zögernd zurück. "Hab keine Angst, ich will dir nichts tun", sagt Leander, obwohl er genau weiß, daß der andere ihn nicht verstehen kann. Das tut er ganz mechanisch, so wie man einem streunenden Hund gut zuredet, von dem man nicht genau weiß, ob er einem die Hand leckt oder ob er unverhofft zuschnappt. Als der Humanoide antwortet, bleibt Leander wie angewurzelt stehen. Die Stimme ist deutlich und gut verständlich. Aber ihr Klang läßt ihn wieder erschauern. Ohne jede menschliche Regung, monoton, roboterhaft, sagt der Fremde: "Astranda - hat - keine - Angst. Astranda - wünscht - keinen - Kontakt." Sekundenlang ist Leander sprachlos. Dann würgt er hervor: "Du bist ein Mensch?" Die Antwort kommt schnell und eine Nuance lauter: "Astranda - ist - Astranda! Mensch - sein - ist - schlecht!" Vor Verblüffung weiß Leander nichts zu sagen. Die Antwort war deutlich: Astranda ist der Name des Fremden mit der seltsamen Stimme, die klar und rein klingt und doch so leblos. Er ist kein Mensch - und er mag die Menschen nicht. Also muß er sie kennen! Ist er ein Späher, ein Kundschafter, der die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme recherchieren soll? Sein knappes und vernichtendes Urteil ist ein Schock für Leander. Er zwingt sich zur Gelassenheit. Alles ist zwar ganz anders gekommen, als er gehofft und vermutet hat, aber noch bietet sich ihm die Möglichkeit, diesen Planeten zu verlassen. Das ist eine seiner Stärken - sich schnell der jeweiligen Situation anzupassen, ohne langes Zaudern und Überlegen. Noch immer stehen sie sich wie festgenagelt gegenüber. Als sei eine Wand zwischen ihnen. Es ist eine Wand, eine fast unüberwindbare Mauer - die Fremdheit. Und doch sind sie beide die Vertreter vernunftbegabter Zivilisationen. Die Gemeinsamkeiten müssen schwerer wiegen als die Unterschiede. Bedächtig geht Leander auf den Fremden zu. Astranda schwankt, deutlich spürt Leander, wie der Fremde mit großer Anstrengung dem Wunsch widersteht zurückzuweichen. Aber er bleibt stehen. Leander geht dicht an ihn heran. Dann streckt er die Hand aus und sagt: "Gib mir deine Hand, Astranda!" Zögernd und ungeschickt hebt Astranda den Arm. Leander greift einfach zu. Die Hand des Fremden zuckt zurück, aber Leander hält sie fest umschlossen. Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht ihn, als er merkt, wie sich die vier Finger seinem Griff entwinden wollen. Nur kurz währt Astrandas Widerstand, dann liegt seine Hand schlaff in der Leanders, ohne den Druck zu erwidern. "Was - hat - das - für - einen - Sinn?" fragt Astranda monoton. Da begreift Leander. Astranda ist ein Roboter! Ein anthropoider Automat! Warum ist ihm das nicht gleich aufgefallen? Gleich, welche Vernunft künstliche Intelligenz erschafft - eins kann sie ihr ganz gewiß nicht geben: Den in Jahrtausenden gewonnenen Reichtum der Gefühle! Mit Automaten kann er umgehen, das hat er gelernt. Es ist einfach, man braucht nur zu befehlen. Solange eine Anweisung nicht gegen das Grundprogramm verstößt, wird der Roboter widerspruchslos gehorchen. "Bring mich zu deinen Herren, Astranda!" befiehlt Leander forsch. Der Roboter erstarrt. Sehr bestimmt kommt dann seine Antwort: "Astranda - hat - keine - Herren." Das Geheimnis der Sonnensteine Das Grün der Sonne Ellora sticht schmerzhaft in Quattros Augen. Doch er darf sie nicht schließen, nicht einmal mit den Lidern zucken, geschweige denn sich bewegen. Noch peinigender als die glühenden Strahlen des Sterns spürt er die feinen, kristallinen Nadeln des niedrigen Silberfarns durch den Umhang aus Molchleder stechen. Der Yumabogen liegt nur eine Handbreit von seinen Füßen entfernt, und doch ist das so weit, als befände er sich auf dem Mond des Planeten Tronnt. Unmöglich, ihn zu erreichen, einen der siebzehn Pfeile aus frisch geschnittenen Purpurnadeln aufzulegen und sich mit einem gezielten Schuß aus der gefährlichen Situation zu befreien! Die geringste Bewegung kann den Tod bedeuten, Quattro wäre ein schlechter Jäger, wenn er das nicht wüßte… Bedächtig wendet der Urck den sichelförmigen Kopf. Nur ein Dutzend Schritt von Quattro entfernt ist er gelandet, und der Jäger kann das erregte Vibrieren der Muskelpakete beobachten, die sich in wulstigen Strängen an den Sprungbeinen des Ungeheuers hinabziehen. Kein Zweifel, er wittert den Menschen, weiß mit dem fremden Geruch aber nichts Rechtes anzufangen. Quattro bemüht sich, flach und langsam zu atmen. Bereits das leichte Sichheben und -senken der Brust könnte genügen, den Urck auf sich aufmerksam zu machen. Den auf krustigen Stielen sitzenden Facettenaugen entgeht nicht die leiseste Regung. Nervös peitscht der entfaltete Segelschwanz des Tieres die splitternden Silberfarnnadeln. Fast eine halbe Minute kann der Urck sich mit Hilfe des Hautschirms in der Luft halten und nach Opfern ausspähen. Quattro hat das charakteristische Geräusch beim Absprung gerade noch gehört, und sofort ließ er sich rücklings fallen. Das tat er instinktiv, ein Reflex, der sich auf unzähligen Jagden herausgebildet hat. Nur auf dem Rücken liegend, hat er freies Blickfeld. Den Beutesprung eines Urcks stehend überleben zu wollen ist unmöglich, auch das weiß Quattro nur zu gut. Kein Mensch kann eine Stunde, zur Salzsäule erstarrt, ausharren - und das muß man, will man der Aufmerksamkeit des geduldigen Räubers, der nur auf die geringste Bewegung wartet, entgehen. Alles Leben im Galvanosumpf scheint erloschen. Die Trichtermolche haben sich zwischen die porösen, scharfkantigen Platten der Kondizeen zurückgezogen, und die gallertartigen Schlangenleiber der Schleimigen Zehrer sind zu regloser Gelatine erstarrt. Der Hauch des Todes brachte eisige Stille in die Gegend. Quattro spürt, wie sein Puls jagt, und er hofft, daß das schwache Pulsieren dem starren Blick der Stielaugen des Urcks entgehen möge. Das Tier wiegt den schmalen Kopf, der in einen hakenförmigen Schnabel mit zwei gräßlich scharfen Schneidkanten übergeht, und betastet mit dem winzigen Riechrüssel den Boden. Es ist unruhig. Quattro nimmt das nur unklar und verschwommen wahr, denn er darf die Augen nicht bewegen. Dem Urck, der die Größe eines Pferdes erreichen kann, fallen selbst die winzigen Flatterbewegungen der Trillerlinge auf, die doch nur wenige Millimeter groß werden. Quattro überlegt, was er tun soll, wenn der Urck ihn doch wittert. Sollte er versuchen, den Fluß zu erreichen? Nein, die gut fünfzig Schritte bis zum Ufer des Großen Ochsenstromes kann er nicht ungesehen zurücklegen. Dem Untier blitzschnell einen Pfeil in den runden Leib zu jagen - das wäre möglich, aber zwecklos. Diese Tiere sind zäher als Katzen. Gegen den Urck braucht man einen Plasmawerfer, aber den benutzt kein Mitglied der Bruderschaft der Yumajäger. Das beste ist immer noch, so tot wie nur irgend möglich zu erscheinen. Die tiefen Narben auf den Schenkeln des Urcks zeugen davon, daß auch er Feinde hat, die sich zu wehren wissen und manchmal vielleicht auch als Sieger aus dem Kampf hervorgehen. Was mögen das für Fabelwesen sein? Quattro weiß es nicht. Es müssen Tiere sein, die bisher kein Mensch zu Gesicht bekam. Der Urck stößt ein heiseres Fauchen aus und richtet den starren, eiskalten Blick seiner Facettenaugen genau auf den reglos am Boden liegenden Jäger. Das Herz scheint Quattro zu zerspringen, der Puls hämmert in den Schläfen, als wäre statt Blut Quecksilber in seinen Adern. Der Sichelkopf auf dem biegsamen Schlangenhals reckt sich immer höher, ruckweise wendet die Bestie den Blick in alle Richtungen. Der Menschengeruch macht ihn wild, denkt Quattro kühl. Der Urck kennt ihn nicht und weiß nicht, was er tun soll, hoffentlich gipfelt seine Wut nicht in einem verheerenden Todestanz! Aus sicherer Entfernung hat Quattro vor Jahren einmal das Toben eines Urcks beobachten können, vor dem sich ein Schlammschaufler in allerletzter Sekunde ins Wasser retten konnte. Ohne Rücksicht auf das eigene Leben zerschmetterte das Biest die spröde, kristalline Flora des Tronnt auf einer Fläche von einigen Dutzend Quadratmetern mit seinem Segelschwanz, hackte blindwütig in die gläsernen Platten und Scheiben der Galvanoferen, bis es schließlich den dabei sich selbst zugefügten Verletzungen erlag. Seit dieser Zeit hat Quattro einen abergläubischen Respekt. Da zuckt der Kopf des Tieres hoch wie von einer Feder geschnellt. Im Bruchteil einer Sekunde sieht Quattro, wie sich die Sprungmuskulatur der Beine zu knotigen Strängen verhärtet, dann zischt der plumpe Körper wie ein Schrapnellgeschoß durch die Luft, und wieder hört Quattro jenes charakteristische Geräusch: "Urrrrck!" Weit entfernt verschwindet das Tier zwischen den glasigen Tafeln und Scheiben der Kondizeen und Galvanoferen, und das durchdringende Trompeten eines Trichtermolches zeigt an, daß ein Jäger sein Opfer erlegt hat. Nun endlich ist Quattro an der Reihe… Doch er interessiert sich nicht für den Urck. Quattros Aufmerksamkeit gilt der spiegelglatten Oberfläche des träge dahinfließenden Großen Ochsenstromes. Er erhebt sich steif. Bis hierher hat er das Monoceros getrieben, denn an dieser Stelle halten sich immer Marksaugerschwärme auf. Vorsichtig läßt Quattro den Umhang aus Molchleder von den Schultern gleiten, ganz behutsam, damit die durch das Leder gedrungenen Nadeln des Silberfarns nicht abbrechen und in der Haut steckenbleiben. Silberfarn, wer ist bloß auf diesen dämlichen Namen gekommen! denkt er, als er spürt, wie eine der spröden Nadeln abbricht. Er würde diese Pflanze eher Teppichkaktus nennen, denn mit einem Farn hat sie gar nichts gemeinsam. Sie ähnelt schon eher dem irdischen Moos, nur daß da eben diese dünnen, glasfasergleichen Nadeln sind. Quattro breitet den Umhang aus, setzt sich vorsichtig und holt ein Stück des proteinreichen Zehrerfleisches aus dem Lederbeutel. Das in der prallen Sonne gedörrte Fleisch des Schleimigen Zehrers ist seine einzige Nahrung, fade und zäh, aber auch sehr nahrhaft. So dicht vor dem Ziel darf er keinen Fehler begehen, deshalb zwingt er sich zu dieser Pause, um den überreizten Nerven Gelegenheit zu geben, sich zu beruhigen. Er beobachtet die Wasseroberfläche. Winzige Bläschen verraten dem erfahrenen Jäger den Aufenthaltsort seines Wildes. Dort, wo sie perlend aufsteigen, nur dem geübten Auge sichtbar, verharrt das Einhorn träge auf dem Grund des Großen Ochsenstromes, um blitzschnell seinen Schleuderarm aus den Wellen peitschen zu lassen, wenn ein Beutetier in seine Nähe gerät. Als der Admirander ihm befahl, ein Monoceros ellorae zu erlegen, war Quattro verblüfft. Reganta erklärte ihm daraufhin knapp, daß die Ärztekommission die psychische Konstitution des Kosmanders für zu instabil halte, um ihm die Benutzung des Traumteufels gestatten zu können. Er sei völlig am Ende, kurz vor einem Nervenzusammenbruch, wie Medikaster Bornschleif behaupte. Also sagte der Admirander: "Kosmander Elldes, ich befehle Ihnen, ein Monoceros ellorae zu erlegen. Sie sind für uns zu wichtig, als daß wir Ihnen gestatten dürften, schlappzumachen und womöglich monatelang auszufallen! Machen Sie Urlaub, erholen Sie sich, das ist ein dienstlicher Befehl!" Und wirklich, Quattro war ihm dankbar, obwohl er es erst nicht fassen konnte. Es gelang ihm sogar, Distanz zu den Vorgängen auf der Erde zu gewinnen, teilweise zu vergessen, in welcher Lage sich die Menschheit befindet. Der Admirander wußte natürlich, daß sich ein Angehöriger der Bruderschaft der Yumaschützen am effektivsten auf der Jagd erholen würde. Also schickte er ihn auf die Reise zum Planeten Tronnt, wo vor Jahrzehnten Tronnt Yuma, nur mit einem Badeumhang bekleidet und fast ein dreiviertel Jahr auf sich allein gestellt, überlebte, nachdem die Ronde, ein rasender Sturm von Schleierdrachen, ihn in einen tiefen Felsspalt geschleudert hatte. Seine Kameraden waren damals der Meinung, er wäre ertrunken, und flogen ohne ihn ab, nachdem sie eine Woche die Ufer des Großen Ochsenstromes vergeblich nach seiner Leiche abgesucht hatten. So entstand das Yumaritual. Auch Quattro ließ sich völlig unbekleidet aussetzen und wartete, bis der Raumkreuzer in den Wolken verschwunden war. Seine einzige Verbindung zur Zivilisation stellt jetzt der Foner, ein am Handgelenk zu tragender Mikrosender, dar, der für den Überwachungsdienst der Galaxtourex eine spezifische Kennung sendet, die Auskunft über Quattros Aufenthaltsort und Gesundheitszustand gibt. Mehrmals hat Quattro schon gefordert, auf den eines Yumaschützen unwürdigen Foner zu verzichten. Doch der Überwachungsdienst blieb stur. Ebenso hat man seine Forderung abgelehnt, die Galvanosümpfe im Delta des Großen Ochsenstromes zum Sperrgebiet zu erklären und ausschließlich der Bruderschaft vorzubehalten. Obgleich die Einhornjagd ein Privileg ist, das nicht einmal alle Yumabrüder besitzen, kommt es häufig vor, daß Unerfahrene der Versuchung nicht widerstehen können, sich auf die Fährte einer Panzerechse zu heften. Immer wieder hat er daraufhingewiesen, daß der Name des Tieres irreführend ist. Das Monoceros ellorae ist kein edles Roß mit einem Horn auf der Stirn. Die mit starken Knochenplatten gepanzerte, extremitätenlose Echse ist an Land beinahe so schnell wie ein Reitpferd, obwohl sie sich nur mit Hilfe der abgespreizten Brustschuppen vorwärts bewegt. Gefährlich kann sie vor allem im Wasser werden. Der bis zu neun Meter lange Schleuderarm weist am Ende eine keulenförmige Verdickung mit einer scharfen Hornkante auf. Damit kann sie einem Menschen ohne weiteres mit einem Schlag den Kopf vom Rumpf trennen. Im eingezogenen Zustand ragt diese mörderische Waffe als spitzer Stachel aus der Stirn des Tieres. Das ist die einzige Analogie zum Einhorn der irdischen Sagen und Märchen. Überrascht der aufpeitschende Schleuderarm den Jäger, ist der rettungslos verloren. Doch die Behörden winken jedesmal beschwichtigend ab, wenn Quattro seine Vorschläge unterbreitet. Wenn es nach ihm ginge, dürften im Ochsenstromdelta nämlich auch keine Diplomatenjagden mehr veranstaltet werden… Die Jagd gemäß dem Yumaritual ist kein sinnloses Gemetzel, da keinerlei Feuerwaffen verwendet werden dürfen. Die ersten Stunden sind immer die unangenehmsten. Zitternd vor Furcht, stand Quattro auch diesmal auf dem ausgebrannten Fleck, den das Raumschiff hinterließ. Ja, er hatte Angst - und jetzt, als es keiner sehen und hören konnte, unterdrückte er nicht einmal das Klappern seiner aufeinanderschlagenden Zähne. Er war nackt und wehrlos wie ein Neugeborenes! Nein, das ist nicht exakt, denkt Quattro und reißt mit den Zähnen einen fasrigen Streifen vom Zehrerfleisch. Wehrlos bin ich nicht, denn wir Menschen besitzen eine übermächtige Waffe - den Verstand. Vorsichtig schritt er über den Teppich aus Nadeln und Stacheln des Silberfarns, der jedes Stück halbwegs trockenen Bodens in den Galvanosümpfen bedeckt. An die feinen Stiche der elektrischen Entladungen beim Splittern und Bersten unter seinen Füßen gewöhnte er sich rasch. Das Potential des spröden, brüchigen Niederwuchses der Tronnt-Flora ist gering. Vorsehen mußte er sich allerdings vor den hoch aufragenden glasigen Scheiben der Kondizeen. Die sprühenden Funken und Blitze, die häufig zwischen ihnen aufzucken, sind gefährlich. Auch der glasige Schaum, der aus ihren Kanten quillt, muß beachtet werden. Die wie Seifenblasen durch die Luft schwebenden schillernden Kügelchen, die sich aus ihm lösen, streuen beim Zerplatzen eine Unmenge kristalliner Sporen aus, die scheußlich auf der Haut brennen. Die den Kondizeen verwandten Galvanoferen produzieren geringere Spannungspotentiale, aber die porösen Tafeln sind von einem Röhrensystem durchzogen, aus dem sie während der Ronde kleine Stacheln in die Luft schießen, die an ihrem Ende eine ähnliche Sporenblase tragen. Quattro schlich durch die klirrende und klingende Vegetation und näherte sich einer Staude aus Purpurnadeln. Eine etwas mehr als mannshohe Nadel schien ihm geeignet. Mit einer Hand hielt er sie fest, mit der anderen griff er einen Stein und schmetterte ihn gegen den Fuß des Gewächses. Klirrend brach der Stengel, und Quattro besaß einen zwar spröden, aber vorzüglich zu handhabenden Speer. Da diese Waffe leicht entzweibrach, war es notwendig, an reichlichen Ersatz zu denken. Den elektrischen Schlag, der ihn jedesmal durchzuckte, mußte er in Kauf nehmen. Selten sind es mehr als knapp sechzig Volt, das ist ihm bekannt. Seine erste Bewaffnung diente ausschließlich dazu, sich mit Kleidung und Nahrung zu versorgen. Mit solch primitiven Speeren ein Einhorn anzugehen wäre nicht nur töricht, sondern selbstmörderisch. Am wichtigsten war erst einmal Schuhwerk, seine Fußsohlen bluteten schon, zerschnitten von den spröden, scharfkantigen Gewächsen des Planeten Tronnt. Jedes Geräusch vermeidend, spähte er zwischen die porösen Platten der Galvanoferen. Dort verstecken sich die Trichtermolche, weil die messerscharfen Kanten der glasigen Scheiben sie vor ihren Todfeinden, den Schleimigen Zehrern, schützen. Plötzlich horchte Quattro auf und erschrak. Sollte er gerade in eine Ronde hineingeraten sein? Tatsächlich, das Jaulen und Heulen wurde immer stärker. Schnell ebnete er mit einem Speer eine Stelle, so daß er sich hinlegen konnte. Dann preßte er sich fest gegen den Boden. Dumpfes Brausen und Grollen schien aus dem Inneren des Tronnt emporzusteigen. Aufmerksam sah Quattro sich um. Ja, dort regte sich schon einer und dort auch! Überall zwischen den zackigen Platten der Galvanoferen wurde es lebendig. Da sah er auch schon, wie sich ein in einen Trichter mündender muskulöser Schlauch entrollte. Die Trichtermolche rüsteten zur Jagd. Das war die endgültige Bestätigung dafür, daß die Ronde herangefegt kam! Quattro merkte sich genau die Stellen, wo die Molche saßen. Vielleicht war es ein glücklicher Zufall, daß er ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt mit seiner Jagd begann. So brauchte er nachher nicht lange nach den Erdhöhlen der Molche zu suchen, sondern konnte die vollgefressenen Tiere an der Oberfläche erlegen, weil sie einige Zeit brauchen, um sich in ihre Gänge zurückzuziehen! Da brauste und tobte es auch schon über ihn hinweg wie ein Orkan. Millionen von Schleierdrachen, zu einer gigantischen Wolke zusammengeballt, folgen in einer wilden Jagd dem Lauf der Sonne Ellora, rastlos, ohne Pause, ihr ganzes Leben lang. Das ist sie, die Ronde! Eine merkwürdige Mischform aus dem galvanischen und dem eiweißorganischen Leben auf dem Planeten. Eine verfehlte, zum Untergang verurteilte Form des Lebens. Eine grausame Laune der Natur. Blinde und taube Flugwesen, nur mit einem einzigen Sinnesorgan ausgerüstet, das sie den Sonnenstand erkennen läßt. Ihre Lebensenergie beziehen sie, wie die gesamte Flora des Tronnt, direkt aus der sengenden Strahlung der Sonne Ellora. Aber sie sind nicht in der Lage, diese Energie zu speichern, und so jagt die Wolke seit Millionen von Jahren in rasendem Flug um den Äquator des Tronnt, immer der Sonne hinterher, ohne die diese gespenstischen Wesen sofort sterben würden… Drei Wochen benötigen die Schleierdrachen, um den Tronnt einmal zu umrunden. Alles Leben im Äquatorgürtel des Planeten hat sich diesem Zyklus angepaßt. Splitternd und klirrend bersten die Platten und Scheiben der Kondizeen und Galvanoferen unter der Gewalt der Ronde. Bruchstücke, scharfkantig und gezackt, wirbeln umher. Überall das scharfe Knallen, mit dem die dünnen Flächen reißen und springen. Als wäre ihnen das eigene Schicksal bewußt und sie rächten sich dafür an der Natur, so zerstören und vernichten die Schleierdrachen erbarmungslos, was ihnen auf ihrem ewigen Zug entgegentritt. Deutlich konnte Quattro beobachten, wie die Galvanoferen Tausende ihrer kleinen Pfeile in den Himmel schossen, bevor sie zusammenbrachen. Manche fielen wieder herab, aber viele bohrten sich auch in die Körper der Flugwesen, die sie so Hunderte, Tausende Kilometer mit sich trugen und deren Sporen sie über den ganzen tropischen Gürtel des Tronnt verstreuten. Immer wieder zischten die Trichter der lauernden Molche Dutzende Meter in den Himmel, weiteten sich zu gigantischen Schlünden, wurden von der Ronde niedergeschleudert. Aber selten geschah es, daß der Schlauch schlaff und hohl zu Boden sank. Fast jedesmal gelang es den Trichtermolchen, einige Schleierdrachen in ihre Fangorgane zu saugen… Quattro lag zitternd am Boden. Die Molche konnten ihm nichts anhaben, auch wenn einer der Trichter dicht neben ihm auf den Boden klatschte, störte es ihn nicht. Aber die durch die Lüfte schwirrenden messerscharfen Bruchstücke der seltsamen Pflanzen würden ihn ernsthaft verletzen. Polternd und krachend stürzte dicht neben ihm eine Kondizee um. Ein schmaler Spalt blieb frei zwischen der gläsernen Platte und dem Boden. Dorthinein verkroch sich Quattro und atmete erleichtert auf. Jetzt war er relativ sicher. Fast drei Stunden tobte die Ronde. Welch eine Ausdehnung muß diese lebendige Wolke haben! dachte Quattro beeindruckt. Dann trat Stille ein. Quattro blieb noch eine Weile liegen. Er mußte sich erst an die plötzliche Ruhe gewöhnen, seinem Gehör Zeit lassen. Vorher durfte er sich nicht aus seinem Versteck wagen. Die ganze Fläche des Galvanosumpfes, die er überblicken konnte, war ein Trümmerfeld. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß nun auch die elektrische Aktivität der Pflanzen stark abgesunken war. Behutsam tastete Quattro nach dem kleinen Heliolith, den er unter dem Armband des Foners versteckt hatte. Kein Mensch durfte von seiner Existenz wissen! Er würde sich nie von ihm trennen. Einst, als das Reich Korenth noch existierte und Großadmiral Elldes Herrscher Korenths war, hatte er dem damals siebenjährigen Sohn den Stein geschenkt und gesagt, er solle ihn hüten wie seinen Augapfel, er werde eines Tages zum Symbol der Macht und der Herrschaft über die ganze Menschheit werden. Alarm im Tunnel Transterra Erst als die Nachtkälte der Wüste seinen Körper zu versteinern droht, erhebt sich Asper müde und zerschlagen, um in die muffige .Der Fremde verschwand hinter der nächsten Ecke. Diesmal hatte ich es genau gesehen: Er war von humanoider Gestalt! Sollten doch die orthodoxen Phantasten recht behalten, die behaupten, alle Vernunftbegabten seien menschenähnlich? Der Natur soviel Einfallslosigkeit zu unterstellen, hatte ich als Todsünde angesehen. An der Ecke, die den Schatten des Fremden hastig verschluckt hatte, verweigerte meine Lunge den Gehorsam. Ich schnappte keuchend nach Luft und klatschte lang auf den Boden. Vor meinen Augen sprühten Funken. Stolpernd erhob ich mich und schaute wehmütig in die Richtung, in die der Fremde davongeeilt war. Zwecklos, ich würde ihn nicht mehr einholen. Aber ich konnte ja trotzdem hinterhergehen. Kaum nötig, zu sagen, daß ich total die Orientierung verloren hatte. Mir blieb nur die Möglichkeit, der Richtung zu folgen, die der Fremde eingeschlagen hatte. Er mußte ein Ziel gehabt haben, man rennt schließlich nicht einfach so zum Spaß durch einen Raumkreuzer. Irgendwo würde ich ihn finden. Noch hatte ich vierunddreißig Minuten Zeit! Der Gang, durch den ich mich hindurchschleppte, verbreiterte sich allmählich zu einem Dickdarm. Und wenn das anatomisch nicht Blödsinn wäre, würde ich sagen, daß ich plötzlich im Magen stand, in einem langgestreckten Raum von ovalem Querschnitt, ungefähr so groß wie eine kleine Turnhalle. Das rote Licht war in diesem Raum so stark, daß es in den Augen schmerzte. Doch die Zotten fehlten. Sie verschwanden nicht übergangslos, sie wurden allmählich kürzer und dünner, bis sie mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen waren. Plötzlich sah ich die anderen, und ein eisiger Schreck durchzuckte mich. Auf dem Boden, der aus schiefen, sechseckigen Waben zusammengesetzt schien, lagen acht reglose, unförmige Bündel. Die Begegnung kam so überraschend, daß ich erstarrt stehenblieb und nicht wagte, mich zu rühren. Ich hatte sie gefunden! Ein Zweifel war ausgeschlossen. Nichts rührte sich. Es war eine beklemmende, unheilvolle Stille. Die Fremden sahen ganz anders aus, als ich glaubte erkannt zu haben. Das waren keine menschlichen Gestalten. Sie glichen riesigen dunkelbraunen - Quallen! Ein schlaffes, faltiges, runzliges Oberteil von der Form einer Glocke, aus dem eine Vielzahl dünner, aber offenbar muskulöser Tentakeln ragte. Ich wagte kaum zu atmen, so fest hielt mich das Entsetzen gepackt. Meine Nerven hatten mir einen gewaltigen Streich gespielt, als ich meinte, ein menschenähnliches Wesen gesehen zu haben! Diese hier hatten überhaupt nichts Menschenähnliches. Nirgends gab es etwas, was auch nur entfernt Sinnesorganen glich, keine Augen, Ohren oder Nasen. Ein unheimlicher Schauder ergriff mich, als mir klar wurde, daß hier alles einer Unterwasserwelt ähnelte, die verschlungenen Gänge mit ihrem korallenartigen Bewuchs und die Wesen selbst. Die Fremden bewegten sich nicht. Sie lagen in seltsamen, unnatürlich anmutenden Haltungen auf dem Boden des Magens, als seien sie bei meinem Eindringen in sich zusammengefallen. Vielleicht ist das eine Abwehr- oder sogar eine Drohgebärde? durchzuckte es mich. Ich hob langsam die Hände, um meine Friedfertigkeit zu demonstrieren und um ihnen zu zeigen, daß ich ohne Waffen sei. Keine Reaktion. Nichts verriet, ob Leben in diesen gespenstischen Wesen war. Kurz entschlossen machte ich einen Schritt auf sie zu und noch einen und noch einen dritten - sie rührten sich nicht. Sie lagen da, als seien sie - das war es! Auf einmal fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die unnatürliche Stellung war keine Drohgebärde, die fremden Wesen waren - tot! Ich ging in scheuem Abstand um sie herum. Tatsächlich, sie beantworteten meine Zudringlichkeit nicht mit der geringsten Regung, es schien eindeutig zu sein - sie waren nicht mehr am Leben. Zweifel beschlich mich. Es gab noch eine zweite Möglichkeit: Anabiose. Ich starrte mit gemischten Gefühlen auf die unheimlichen Fremden, und die instinktive Furcht wich kühler Überlegung. So oder so, eine Kontaktaufnahme war unmöglich. Die logische Konsequenz ließ mir einen frostigen Schauer über den Rücken rieseln. Meine Uhr zeigte, daß nur noch eine knappe halbe Stunde blieb. Unmöglich, in dieser geringen Zeitspanne noch etwas zu erreichen. Sie waren dem Tode geweiht. Mir war unwohl, aber das fremdartige Äußere der Quallenwesen machte mir die Entscheidung leichter. Auch stand es dreißigtausend zu acht, und von den acht wußte ich nicht einmal genau, ob sie überhaupt noch am Leben waren. Wir mußten den Raumkreuzer vernichten! Doch waren diese acht die einzigen Insassen des gigantischen Raumkreuzers? Vielleicht bist du zufällig in die Anabiosekammer geraten, sagte ich mir, während die andere Hälfte der Besatzung in einem anderen Teil des Schiffes zu finden ist? Gut, einen allerletzten Versuch wollte ich noch unternehmen. Ich warf noch einen Blick auf die Körper der fremden Raumfahrer, dann drehte ich mich um und suchte die Wände dieses Raumes nach einem Ausgang ab. Unschlüssig trat ich an die Wandung des Magens heran. Er besaß anscheinend nur den einen Zugang, durch den ich ihn betreten hatte. Aufmerksam untersuchte ich die Wände, aber nirgends war eine Spur zu entdecken, die auf eine Öffnung schließen ließ. Die Wände waren wie ein Mosaik von einem Netz haarfeiner Linien durchzogen. Plötzlich schrie ich überrascht auf. Das war tatsächlich ein Mosaik! Ein Mosaik aus Bausteinen, die ich sehr gut kannte. Die Wände des Magens waren übersät mit unzähligen hellstrahlenden - Sonnensteinen! Sonnensteine hier im Raumkreuzer! Meine Ahnung hatte mich nicht getrogen, Spinks hatte einen kapitalen Fehler mit der Vernichtung des kleinen Helioliths begangen. Mir schossen alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Die Heliolithhöhlen auf dem dritten des Alpha! Sie konnten kein Zufall sein, der Raumkreuzer ebensowenig. Da bestand ein handfester Zusammenhang. Das Verbindungsglied zwischen beiden Fakten konnten nur wir sein, wir Menschen. Ich rannte in den Gang zurück und bog, alle Vorsicht außer acht lassend, die erregt auf und nieder pendelnden Zotten auseinander. Tatsächlich, unter ihnen leuchteten ebenfalls Sonnensteine! Der gesamte Raumkreuzer war demnach eine großartige Grotte voller Heliolithe. Welche Funktion hatten sie zu erfüllen? Waren etwa - sie die wahren Herren des Raumkreuzers? Und nicht jene häßlichen toten Quallen, die vielleicht nur Roboter waren? Meine Gedanken überschlugen sich. Im Innersten war ich mehr geneigt, den kleinen, harmlosen Sonnensteinen die Rolle der intelligenten Wesen zuzubilligen. Hatte ihnen der von Spinks vernichtete Sonnenstein einen letzten verzweifelten Hilferuf senden können? Waren sie deshalb so zurückhaltend und mißtrauisch? Ich wich scheu zurück und beobachtete, wie sich der Zottenpelz schloß und in meine Richtung sträubte. Grübelnd ging ich noch einmal in den Magen. Es gab eine weitere Möglichkeit: Die Heliolithe und die Quallenwesen konnten in einem symbioseähnlichen Verhältnis miteinander leben. Hier durfte ich nicht mit irdischen Maßstäben messen. Die Sonnensteine verstärkten ihr Strahlen, als ich näher kam. Vorhin war mir das nicht aufgefallen, weil die Quallen meine Aufmerksamkeit beanspruchten. Ich trat nach einem kurzen Seitenblick auf die anderen Wesen - sie hatten ihre Stellungen nicht verändert - fasziniert an die Wand heran. Die Sonnensteine überschütteten mich mit einer Flut rubinroten Wellen. Unwillkürlich streckte ich die Hand nach ihnen aus. Ganz leise glaubte ich Stimmen zu vernehmen. Fremdartige Stimmen, die eindringlich auf mich einredeten. Ich zog die Hand zurück und drehte den Verstärker des Außenmikrofons voll auf. Im Bann dieser vermeintlichen Stimmen lauschte ich angestrengt. Sie wurden nicht lauter, im Gegenteil, bald waren sie nur noch ein wispernder Windhauch. Ich wußte nicht, ob ich diese Laute überhaupt Stimmen nennen durfte. Es war mehr ein Eindruck. Was die Stimmen - wir wollen sie einfach so bezeichnen - wisperten, war nicht zu verstehen. Aber sie waren da. Hunderte, vielleicht auch Tausende. Ich hörte sie. Als ich die Hand ein zweites Mal ausstreckte, wurden sie stärker. Der unsichtbare Chor schwoll im gleichen Maß an, wie sich meine Hand den Sonnensteinen näherte. Kurz entschlossen legte ich die Hand auf das rote Funkeln. Wie heiße Säure schoß es durch meinen Arm und brachte mein Blut zum Sieden. Nein, es war keine Säure, es war ein Schrei, der durch meinen Körper jagte, ihn schüttelte und beben ließ, als hätte ich eine Starkstromleitung berührt. Die Beine knickten mir weg. Der grausame Schmerz spannte meinen Körper wie eine Saite, die jeden Augenblick reißen muß. Mit glühender Hitze brannte sich dieser Aufschrei einen Weg in mein Bewußtsein. Es war kein Wort. Eine unsagbar schmerzhafte Empfindung überschwemmte mit diesem bioelektrischen Schlag mein Denken: "Geh!" Ich konnte diese eindringliche Aufforderung nicht mehr befolgen. Der mächtige Sinnesimpuls löschte mein eigenes Denken aus wie ein Talglicht. Ich kippte hintenüber und hatte das Gefühl, von einer riesigen Kaffeemühle zermalmt zu werden. Sie zerrieb mein Bewußtsein zu feinem, totem Staub.